"Ah!" Die Fee stampfte mit dem Fuß auf. "Ich wusste, dass diese dumme Sache mich früher oder später einholt. Ich wusste es! Ich wusste es! Ich wusste es!" Sie raufte sich die Haare. "Kaum ist man mal ein klitzekleines bisschen … abgelenkt, gibt es gleich eine Katastrophe."

CoverFeen1Da eine Schlamperei der Fee aus ihrer Anfängerzeit auffliegt, verdonnert der Märchenrat sie dazu, innerhalb von drei Tagen eine Geschichte "auf die alte Art und Weise" zu erschaffen. Das funktioniert jedoch nur, wenn die Menschlinge sie darum bitten. Dummerweise interessieren die sich aber nicht mehr fürs Geschichtenerzählen, sondern nur noch für ihre beweglichen Bilder in kleinen Kästen.Wie durch ein Wunder wird die Fee tatsächlich gerufen, doch die Kinder finden ihr Märchen langweilig und wollen es nicht hören. Aus Wut und Verzweiflung unterläuft der Märchenfee daraufhin ein schwerwiegender Fehler. Sie spricht die magischen Worte: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute", obwohl sie die Geschichte gar nicht zu Ende erzählt hat. Damit ist das Chaos perfekt, denn nun hat sie keinen Einfluss mehr auf die Handlung und die Figuren tanzen ihr auf der Nase herum. Als ob das nicht schon Ärger genug wäre, holt die Fee unbeabsichtigt die zwei Jugendlichen Rob und Joleen ins Land der Fantasie. Plötzlich befinden sich die beiden in der außer Kontrolle geratenen Geschichte in einer Welt, die sie so gar nicht gewohnt sind. Keine Autos, kein Fast Food auf Plastiktellern, finstere Gestalten, die ihnen an den Kragen wollen …

Sie müssen eine Verwechslung aufklären, den Intrigen einer hinterhältigen Königin entgehen, sich mit dem Gehilfen der Fee, einem widerborstigen Zwerg, abplagen, einem Prinzen den Thron und der Märchenfee ihren Job retten, um ihr Leben fürchten und ständig darum bangen, ob sie jemals wieder zurück nach Hause können.

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XXL-Leseprobe von „Auch Feen machen Fehler“ von Ricka Rasmussen

1. Zarathustra

Nur einen Wimpernschlag von uns entfernt, aber doch so unendlich weit weg, dass ein Mensch dort normalerweise niemals hingelangt, lag ein Zwerg auf einer Ofenbank. In unregelmäßigen Abständen gab er eine Mischung aus Schnaufen und Schnarchen von sich, warf sich herum und kratzte sich hinter den Ohren.

Das Scheppern einer angelaufenen Messingglocke schreckte ihn auf. Er gähnte, stemmte sich hoch und schlurfte zu dem Pult, über dem die Glocke hing. Darunter stand ein Hocker. Den zog er hervor, hievte sich hinauf, nahm den Pfropfen aus dem Sprachrohr, das dort aus der Wand ragte, blies kurz hinein und fragte: "Ja?"

"Alfons Zilp", kam quäkend die Antwort. "Wo bleibt meine heiße Milch mit Honig?"

Alfons steckte den Stöpsel zurück, stieg ohne Eile vom Schemel und ging an den Herd. Er öffnete die Ofenklappe, stocherte in den glimmenden Resten der Glut und legte Holz nach. Schließlich zog er die Backofenklappe auf und nahm eine blau getüpfelte Keramikkanne heraus. Er stellte sie auf ein Tablett, auf dem schon eine Tasse und ein Honigtopf bereitstanden, und trug alles hinüber in den Salon.

In einem Ohrensessel mit abgewetztem Plüschbezug saß Silviane. Ihre Füße, die in Ringelsocken steckten, ruhten auf einer gepolsterten Bank. Auf ihrem Schoß lag eine Häkeldecke in Rosa, an der sie zurzeit arbeitete. Als Alfons auf sie zuschlurfte, ließ sie die Hände sinken und sah ihn über den Rand ihrer Lesebrille scharf an.

Silviane war Märchenfee und das schon mehrere Hundert Jahre lang, doch seitdem die Menschlinge die laufenden Bilder erfunden hatten, gab es für sie kaum etwas zu tun. So vertrieb sie sich die Zeit, indem sie häkelte. Auf dem Dachboden des Schlosses standen Truhen, gefüllt mit Decken in allen erdenklichen Farben und Formen.

"Nur Faulpelze schlafen am helllichten Tag", sagte sie.

"Du musst es ja wissen." Der Zwerg stellte das Tablett auf das Tischchen neben dem Sessel. "Hast du wieder geträumt, dass du unter deinen Häkelmonstern erstickst?"

"Mit jedem Jahrhundert gebärdest du dich frecher." Silviane wartete, bis er ihr einschenkte und fragte: "Und wo bleiben meine Kekse?"

"Hatte zu viel zu tun, musste Spinnendreck und Fliegenschiss beseitigen."

"Dass ich nicht lache! Wenn du auch nur in die Nähe eines Putzlappens gekommen bist, will ich ab sofort Wetterfee sein. Na, du wirst schon sehen. Ich werde mir einen neuen Küchenhelfer besorgen. Einen, der backt und kocht. Diesmal wirklich."

"Das wird auch langsam Zeit. Die Arbeit wächst einem hier ja über den Kopf." Alfons schlurfte unbeeindruckt davon.

Die Fee griff nach der Tasse und nahm einen Schluck Milch. "Die ist ja eiskalt", rief sie ihm nach. "Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst sie immer frisch zubereiten?"

Alfons tat, als ginge ihn das nichts an und ließ die Tür hinter sich zufallen.

"Alfons! Ich warne dich! Komm sofort zurück!", hallte es über den Flur.

Er überhörte das Geschrei einfach, da er wusste, dass die Fee niemals in die Küche kam, und machte es sich wieder auf der Ofenbank bequem.

Das nächste Mal schreckte er vom Geklapper der Töpfe auf und schoss hoch. Er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Auf dem Hocker unter dem Topfregal stand ein Wicht und besah sich die angelaufenen Kupferkessel und Pfannen.

"Verflixte Brut!", brauste Alfons auf. "Scher dich auf der Stelle raus! Wer hat dir erlaubt aus dem Stall zu kommen, du knollennasige, verwarzte Missgeburt?"

Der Zwerg drehte sich um. "Mein Name ist Albert, und ich bin jetzt Küchenzwerg so wie du", sagte er und schickte sich an, vom Hocker zu steigen.

Alfons stand schon bei ihm und hielt ihm seine rote Nase ins Gesicht, da berührten Alberts Füße noch nicht einmal richtig den Boden. "ICH", erklärte Alfons überdeutlich, "BIN – KEIN – ZWERG! Verstanden?"

Er brauchte sich diesen Gnom nur anzusehen, um zu wissen, dass er, Alfons Zilp, niemals, NIEMALS so hässlich sein konnte. Für ihn bestand kein Zweifel daran, dass bei seiner Entstehung irgendein dummes Missverständnis dazu geführt hatte, dass alle ihn für einen Zwerg hielten.

Albert musterte ihn von oben bis unten. "Du siehst aus wie ein Zwerg und du riechst auch wie ein Zwe…"

Weiter kam er nicht, denn Alfons packte ihn und schüttelte ihn. "Ich bin KEIN gewöhnlicher, kohlköpfiger Zwerg, hörst du? KEIN Zwerg! Merk dir das gefälligst." Er ließ den Wicht so plötzlich los, dass der ins Straucheln geriet. "Und glaub bloß nicht, dass du jetzt hier das Sagen hast", blaffte Alfons ihn noch an, dann marschierte er aus der Küche, wobei er die Tür extra laut zuknallte.

Niemals gehörte er zu diesen Kreaturen. Zwerge waren dumm, Zwerge taugten nur als einfache Dienstboten oder als Erz- und Kohleklopfer in finsteren Bergstollen. In ihm steckte etwas Besseres, er war intelligent und auf jeden Fall war er größer. Mindestens ein paar Zentimeter. Er konnte also unmöglich ein Zwerg sein. Und von seinem Platz im Schloss der Märchenfee ließ er sich von so einer Knollennase schon gar nicht vertreiben.

Im Salon saß die Fee in ihrem Lieblingssessel. Sie wirkte zufrieden wie der Schlosskater, nachdem er ein Schälchen Sahne schlecken durfte, und tat, als häkle sie mit Begeisterung an ihrer Decke. Alfons wusste jedoch, dass es nur Schau war.

"Tja, mein lieber Alfons, das hättest du wohl nicht gedacht, dass ich meine Drohung wahr mache", empfing sie ihn. "Und da ich nun mal eine bescheidene Frau bin und nur einen Küchenzwerg brauche, wirst du in Zukunft im Stall arbeiten müssen."

Alfons hasste ihre schnippischen Kommentare, außerdem ging er davon aus, dass sie ihm nur einen Schreck einjagen wollte. "Zarathustra", sagte er deshalb und tat ungerührt.

"Was soll mir das sagen?"

"Meine französische Phase ist vorbei. Ab sofort heiße ich Zarathustra, wenn ich bitten darf", erklärte er seelenruhig. So weit kam das noch, dass man ihn mit einem Namen rief, der wie der eines gewöhnlichen Hauszwergs klang.

"Spiel dich nicht auf. Alle meine Zwerge haben Namen, die mit A beginnen. Das ist schon seit Jahrhunderten so. Außerdem war Zarathustra ein Prophet und du willst ja wohl nicht behaupten, du hättest neuerdings prophetische Gaben."

Bevor Alfons, beziehungsweise Zarathustra, sie darauf hinweisen konnte, dass er viel zu groß und zu intelligent war, um ein Zwerg zu sein, rumpelte und schepperte es. Aus dem Postrohr neben dem Sessel der Fee stieg eine Staubwolke auf. Hustend wedelten beide mit den Händen, um sie zu vertreiben. Ein fleckiger, angelaufener Metallzylinder plumpste heraus und kullerte Zarathustra direkt vor die Füße. Er bückte sich, wischte den Staub ab und las den Absender.

"Kann sein", nahm er den Gesprächsfaden wieder auf, als wäre nichts geschehen. "Allerdings brauche ich auch keine prophetischen Gaben, um zu wissen, dass dir nicht gefallen wird, was du zu lesen bekommst."

"Gib schon her." Die Fee wuchtete sich vom Sessel hoch und grapschte nach dem Zylinder. Sie entkorkte ihn und zog ein hellblaues Blatt Papier heraus.

"Oh, oh, ein blauer Brief vom Märchenrat." Zarathustra genoss es zu sehen, wie sich hektische rote Flecken auf Gesicht und Hals der Fee ausbreiteten, während sie die Nachricht überflog. Das geschah ihr recht.

"Ah!" Die Fee stampfte mit dem Fuß auf. "Ich wusste, dass diese dumme Sache mich früher oder später einholt. Ich wusste es! Ich wusste es! Ich wusste es!" Bei diesen Worten stapfte sie auf und ab. "Kaum ist man mal ein klitzekleines bisschen … abgelenkt, gibt es gleich eine Katastrophe."

Sie knüllte das Blatt zu einer Kugel zusammen, warf sie Richtung Kamin, traf aber nicht. Zarathustra hob den Brief auf, glättete ihn und las die Nachricht. Mit dunkellila Tinte, in schnörkeliger Schrift geschrieben, stand da:

Vorladung an die Märchenfee:

Du hast unverzüglich und auf der Stelle vor dem Vorsitzenden des Märchenrats zu erscheinen.

Klägerin: Rubinella.

Vorwurf: Erschaffung einer Märchenfigur ohne dazugehörige Geschichte.

Gezeichnet: höchstselbst Grumm, meines Zeichens Zauberer.

Zarathustra pfiff durch die Zähne. "Unverzüglich. Tss, tss, tss. Und ausgerechnet auch noch Grumm. Das ist doch dieser Dummkopf von Zauberer, der am Ende immer vom Kater gefressen wird, nachdem er sich in einen Löwen, in einen Elefanten und am Schluss in eine Maus verwandelt, oder?"

"Erst in einen Elefanten und dann in einen Löwen", korrigierte die Fee ihn. "Ich versteh einfach nicht, wieso er mich nicht leiden kann. Eine Geschichte ist nun mal, wie sie ist."

"Und wer ist Rubinella?"

"Ach das!" Die Fee nahm ihre Wanderung durch den Salon wieder auf. "Da machst du einmal einen kleinen Fehler und zack hast du dein ganzes Leben vermurkst."

"Gut, aber wer ist sie nun?"

"Nichts! Ein Niemand! Keine Ahnung, wie das alles so kommen konnte. Dabei fing es so schön an." Die Fee schwelgte einen Moment in Erinnerungen, dann zogen sich ihre Mundwinkel nach unten. "Dummerweise ließ ich mich überreden, dieses sonderbare Getränk zu probieren, als ich einmal, ist schon eine Ewigkeit her, bei den Menschlingen war, dieses Honigbier oder Met oder wie sie es nennen. Ich begreife nicht, weshalb sie es so gerne mögen. Mir wurde ganz schwummrig davon, und bevor ich noch richtig mit meiner Geschichte begonnen hatte, verlor ich das Gleichgewicht und fiel vom Hocker." Sie schüttelte den Kopf.

"Verstehe", sagte Zarathustra nach einer Weile. "Feen vertragen keine Getränke, von denen einem schwummrig wird. Und was hat das mit dieser Rubinella zu tun?"

"Ich fing gerade an, ihre Geschichte zu erzählen, als ich umkippte. Mein Handzauberspiegel zersplitterte beim Aufprall und verlor seine Zauberkraft. Das war es mit dem Märchen. Ohne Spiegel konnte ich es nicht erschaffen und deshalb hat diese Rubinella keine Geschichte."

Zarathustra kannte den Spiegel. Er lag neben den anderen beiden Handspiegeln in der Vitrine. Allerdings hatte die Fee ein Tuch darüber gebreitet, weil sie den Anblick der zersprungenen Elfensilberscheibe nicht ertrug. Sie hatte alle Stücke wieder zusammengepusselt, doch eine kleine Lücke war geblieben, das Herzstück fehlte. "Aha? Und warum hast du dieser Rubinella nicht inzwischen eine neue Geschichte verpasst?"

"Als ob du noch nie was vergessen hättest." Die Fee warf ihm einen giftigen Blick zu. "Was denkt dieser Grumm sich? Er pfeift und ich komme?"

"Sieht so aus."

"Verflixt!" Sie stampfte mit dem Fuß auf.

Zarathustra sah seine Chance gekommen. Das war genau die Situation, die er brauchte, um sich aus der Patsche zu ziehen. Die Fee würde niemals ohne Gefolge vor Grumm erscheinen und der Neue in der Küche kam als Begleitung unmöglich infrage. "Na dann viel Spaß", sagte er, und als hätte das alles nichts mit ihm zu tun, drehte er sich um und bewegte sich auf die Tür zu. Selbstverständlich langsam, damit der Fee Zeit blieb, ihn aufzuhalten.

Er ging und ging und gerade, als er schon befürchtete, sich verrechnet zu haben, sagte sie endlich: "Alfons, wo willst du hin. Ich brauche dich hier."

Bedächtig drehte er sich um, schaute sie an, zog die linke Augenbraue hoch und wartete.

"Ich meine natürlich Zarathustra", korrigierte sich die Fee. "Du begleitest mich. Einen Beistand können sie mir nicht verwehren."

"Aber meine Aufgabe ist es doch von nun an, den Stall auszumisten", erinnerte er sie so unterwürfig, wie es ihm möglich war.

"Ach, vergiss diese dumme Sache. Ich habe jetzt andere Probleme."

Zarathustra konnte sich gerade noch beherrschen, sich nicht zufrieden die Hände zu reiben. "Ich sehe das also richtig", sagte er. "Ich muss nicht auf dem Misthaufen herumklettern?"

"Nein, ich meine ja."

"Nur, um das klarzustellen, ich geh nicht in den Stall, Albert bleibt aber trotzdem für die Arbeit in der Küche zuständig, ja? Er kocht, putzt, hackt Holz und macht alles, was so anfällt, richtig?"

Der Fee dämmerte langsam, worauf die Sache hinauslief, doch das war Zarathustra egal. Hauptsache, seine Position in diesem Haushalt war geklärt.

"J…ja", sagte sie.

"Und ich bin der erste Zwer… ähm, ich bin derjenige, der das Sagen hat über die Dienerschaft, richtig?"

"Ja, ja, ja! Und jetzt lass uns endlich aufbrechen, sonst taucht dieser hochnäsige Grumm noch persönlich hier auf."

Die Fee schnippte mit den Fingern und trug im nächsten Moment ein rosa Kleid aus Tüll und Brokat, das an eine üppig verzierte Sahnetorte erinnerte.

Aha, dachte Zarathustra, das volle Programm.

In ihrem weißen Haar, das sich lockig auf ihrem Kopf türmte, steckte ein funkelndes Diadem, einer Krone sehr ähnlich. Ihren Hals zierte eine fingerdicke Goldkette und an den Handgelenken klimperten jeweils mindestens ein Dutzend Armreifen.

Die Fee nahm ihre Handtasche, die immer griffbereit in der Nähe ihres Lieblingssessels stand, zog eine goldene Taschenuhr heraus, deren Kette sie an ihren Gürtel hakte, und stellte sich in Position. In einer dramatischen Geste schwang sie die rechte Hand, in der sie die Uhr hielt, und ließ den Deckel aufklappen. Dabei prüfte sie ihre Körperhaltung in der spiegelnden Glasscheibe einer Vitrine. Eine kleine Korrektur des Handgelenks und ihrer Fußstellung, damit sie lässiger wirkte, dann war sie zufrieden und steckte die Uhr in ihre Rocktasche.

"Vergiss das Buch nicht", befahl sie und marschierte nach draußen.

Zarathustra trat an einen klobigen Schrank aus Metall und drehte an der Zahlenkombination des Türschlosses. Ächzend wuchtete er die schwere Metalltür auf und nahm einen dicken Wälzer heraus, der in ein blaues Samttuch eingewickelt war, das Buch der Geschichten. Er klemmte es sich samt Tuch unter den Arm und folgte der Fee.

Als er das Schlossportal betrat, wartete sie schon. Sie ergriff seine freie Hand und beförderte sie beide mit einem Fingerschnippen in die Burg von Zauberer Grumm.

2. Joleen

"Hier geht es rechts ab." Joleen deutete auf das ausgeblichene Hinweisschild. Tilli riss das Lenkrad herum und der Wagen schlingerte um die Kurve und auf die schmale Straße, die in den Wald hineinführte. Zum Glück war der Kofferraum des alten Kombis bis zum letzten Zentimeter vollgestopft, sodass nichts verrutschen konnte.

Joleen warf einen Blick auf die Straßenkarte und zeichnete den Weg mit dem Zeigefinger nach. Sie waren früh am Morgen aufgebrochen und hatten nur über Mittag eine längere Pause gemacht. Inzwischen war es fast fünf und sie wusste kaum noch, wie sie sitzen sollte. Etwas Hartes drückte von hinten in die Rücklehne und ihre Beine taten weh, weil sie sie zwischen den Plastiktüten im Fußraum nicht ausstrecken konnte. Ihre gute Laune ließ sie sich davon nicht verderben.

Dieser Umzug lief zwar ab, wie die meisten vorher, trotzdem war diesmal alles anders, denn diesmal würden sie ein ganzes Haus für sich allein haben. Das war schon aufregend, der Knüller aber war, dass Tilli es nicht einfach gemietet hatte, sondern sie hatte es geerbt, und damit gehörte es ihnen.

Das bedeutete, sie konnten nicht mit Mietzahlungen in Rückstand geraten. Außerdem gab es auch keinen Hausverwalter, der sie vor die Tür setzte, weil Tilli auf dem Hinterhof Yoga-Kurse abhielt. Bisher hatte Joleen noch nie zwei vollständige Schuljahre an ein und demselben Ort verbracht. Die Chancen standen gut, dass sich das nun änderte.

Der Wald zog sich eine Ewigkeit hin und sie atmete tief durch, als sie endlich die Bäume hinter sich ließen und auf eine Kleinstadt in einer Talsenke blickten.

"Wir sind da", sagte sie, als sie auf dem Ortsschild den Namen Groß Südende las. Schnell fanden sie die Straße, die der Notar ihnen schriftlich mitgeteilt hatte, und hielten vor der angegebenen Hausnummer. Ein angelaufenes Messingschild neben dem Eingang verkündete: Dr. H. D. Fipsel, Rechtsanwalt und Notar. Dr. Fipsel erwartete sie bereits.

"Liebe Frau Winterberg", begrüßte er Tilli, dann fiel sein Blick auf sie, Joleen, und er zog eine Augenbraue hoch. "Und wer bist du, kleines Fräulein?"

"Das ist meine Enkelin Joleen", stellte Tilli sie vor.

"Äh, ja, schön, schön, hier entlang."

Er dirigierte sie in sein Arbeitszimmer, in dem es nach kaltem Zigarrenrauch stank, und ließ sie an einem runden Tisch Platz nehmen. Im Grunde war alles geregelt, denn Dr. Fipsel hatte einen Notar an ihrem alten Wohnort hinzugezogen. Über den hatte Tilli das Testament erhalten und die notwendigen Unterschriften geleistet. Jetzt wollten sie nur noch den Hausschlüssel und die restlichen Papiere abholen.

Tillis Cousine Gertrud hatte ihr ein Haus in einem Dorf namens Klein Südende hinterlassen und dieses Klein Südende lag in der Nähe von Groß Südende. So war Dr. Fipsel ins Spiel gekommen.

Nachdem der Notar eine Weile wichtig herumgeredet hatte, schob er Tilli endlich ein Schlüsselbund hin.

"Im Prinzip gibt es nicht mehr viel zu sagen, liebe Frau Winterberg", meinte er dabei. "Das ist das Sparbuch der Verblichenen und hier die Kontounterlagen. Es ist nicht gerade ein Vermögen, aber man kann durchaus etwas damit anfangen. Haben Sie schon Anlagepläne?"

Sofort bekam Joleen große Ohren. Tilli und Geld, das war keine gute Kombination.

"Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht", sagte Tilli auch prompt.

Joleen bemerkte, wie ein Lächeln über das Gesicht des Notars huschte.

"Na, dafür haben Sie ja den alten Fipsel, nicht wahr?" Er schob Tilli ein Blatt und einen Kugelschreiber hin. "Unterschreiben Sie hier unten und Fipsel regelt alles für Sie. Was sollen Sie sich mit Rechnungen herumplagen, die ihnen womöglich noch ins Haus flattern. Das kann ich für Sie erledigen. Außerdem werde ich meinen Schwager bitten, Ihnen eine schöne Anlagemöglichkeit herauszusuchen, sobald er aus dem Urlaub zurück ist. Er kennt sich da bestens aus. Na, was sagen Sie, ist das ein Angebot?" Sein Lachen dröhnte durch das Büro.

Schleimiger geht's ja wohl kaum, dachte Joleen und griff nach dem Blatt. Wie sie vermutet hatte, handelte es sich um eine Vollmacht.

"Na, na, Kleine, das ist nichts für Kinder."

Er wollte ihr das Papier wegnehmen, doch sie hielt es fest. Es fehlte nicht viel und er hätte ihr auf die Finger gehauen.

"Wir lesen es uns zu Hause in Ruhe durch", sagte sie zuckersüß, "aber ich bin sicher, dass wir unsere Rechnungen selbst bezahlen können – falls da welche kommen."

Dr. H. D. Fipsel sah sie an, als würde er sie fressen wollen. Vorsichtshalber stand sie auf, raffte das Sparbuch und die Kontounterlagen zusammen und stopfte alles in ihre Tasche. "Wir müssen noch einkaufen." Sie war erleichtert, als Tilli sofort aufstand.

"Wenn mein Schwager wieder da ist, schauen wir mal bei Ihnen vorbei", sagte der Notar, als er sich von Tilli verabschiedete. "Quasi von Nachbar zu Nachbar."

Sie, Joleen, beachtete er nicht, doch das war in Ordnung. Je schneller sie aus diesem Büro waren, desto besser. Unterwegs warf sie einen kurzen Blick ins Sparbuch. Nicht ganz neuntausend. Damit konnten sie eine Weile über die Runden kommen. Sobald Sie im Wagen saßen, hob Joleen beide Hände, spreizte die Finger und hielt sie sich demonstrativ vor die Augen.

"Was machst du da?", wollte Tilli wissen.

"Nachzählen, ob noch alle da sind."

"Du sollst nicht immer so misstrauisch sein und von den Menschen nur das Schlechteste denken."

"Und du sollst keine Vollmachten für wildfremde Leute unterschreiben."

"Joleen, du bist erst zwölf Jahre alt und ich bin eine alte Frau. Ich sollte auf dich aufpassen und nicht du auf mich."

"Wir wechseln uns eben ab."

"Stimmt."

Tilli lachte und gab Gas, und der Kombi schoss aus der Parkbucht auf die Straße. In einem Supermarkt deckten sie sich mit Lebensmitteln ein, ließen sich den Weg nach Klein Südende erklären, durchquerten das Städtchen Groß Südende, es dauerte gefühlt höchstens zehn Sekunden, und bogen kurz hinter dem Ort von der Landstraße ab. Wieder schlängelte sich der kurvige Asphaltstreifen durch einen verwunschen wirkenden Wald. Joleen erkannte Kiefern, Buchen und Eichen. Die Bäume standen bis dicht an die Straße und bildeten mit ihren überhängenden Ästen einen Tunnel.

Nach einigen Kilometern erreichten sie ihre neue Heimat. Das Dorf lag auf einer Lichtung, über die sich die Abenddämmerung breitete.

"Wie viele Einwohner gibt es hier doch gleich?", fragte Tilli, während sie im Schritttempo die menschenleere Dorfstraße entlangfuhren.

Joleen blätterte in den Unterlagen aus dem Internet. "Im letzten Jahr waren es zweihundertfünfundsiebzig. Halt, da ist es!" Sie deutete auf ein Haus auf der rechten Straßenseite, über dessen Haustür eine Sechs und etwas tiefer eine schiefe Neun hingen, Hausnummer neunundsechzig.

"Du meine Güte, was für ein düsterer Kasten." Tilli würgte den Motor ab, sodass sie mit einem Ruck standen.

Beide starrten sie auf den grauen Klotz, bei dem vor allen Fenstern die Rollläden heruntergelassen waren. Vor dem Haus mickerte ein trockener Rasenstreifen vor sich hin. Ein schmiedeeiserner Zaun grenzte ihn von der Straße ab.

"Sieht aus wie ein Gefängnis", sagte Joleen.

"Irgendwie hatte ich es freundlicher in Erinnerung."

Sie stiegen aus und blieben mitten auf der Dorfstraße stehen. Nach einer Weile riss Joleen sich vom Anblick des Ungetüms los und schaute sich um. In anderen Gärten wuchsen Sträucher und bunte Blumen. Überwiegend sah sie Klinkerfassaden in verschiedenen Rot- und Braunschattierungen. Nur das gegenüber dem grauen Kasten strahlte in einladendem Weiß. Es war ein kleines Häuschen mit dunklen Fensterrahmen und dunkelgrauen Schindeln auf dem Dach. Seitlich daneben befand sich ein Schuppen, der nach vorn offen war wie ein Carport. Im Vorgarten blühten niedrige Sträucher sattgelb und an der Haustür hing ein Weidenkranz mit einer orangegelben Schleife.

"He! Da ist ja noch eine Neunundsechzig!" Joleen machte einige Schritte auf das weiße Haus zu. Auf dem ovalen Emailleschild unter dem Klingelknopf stand der Name Winterberg. "Tilli, es ist hier!"

"Na, da bin ich aber erleichtert. Warte."

Tilli stieg in den Kombi und fuhr den Wagen in den Unterstand neben dem Haus, dann gingen sie die beiden Stufen zur Eingangstür hinauf, schoben gemeinsam den Schlüssel ins Schloss und drehten ihn herum. Arm in Arm betraten sie den schummrigen Flur. Bevor sie das Licht anknipste, schloss Joleen kurz die Augen und sog tief den Duft ihres neuen Heims ein. Es roch nach Sommerwiese, ein bisschen muffig und staubig, aber nicht unangenehm. Hier würden sie sich wohlfühlen.

Als sie von Zimmer zu Zimmer schritten, kam es ihr vor, als befänden sie sich in einem anderen Jahrhundert. Alle Möbel waren verschnörkelt, auf den Kommoden und Tischchen standen Vasen, Keramikfiguren, Bücher und Krimskrams.

Das Haus war klein, aber für sie beide völlig ausreichend. Neben einem Bad, der Küche und dem Wohnzimmer gab es unten noch einen weiteren Raum, den machte Tilli zu ihrem Reich. Im Dachgeschoss befanden sich zwei Zimmer. Joleen nahm das nach vorne raus, denn von dessen Fenster konnte man fast die gesamte Dorfstraße überblicken. Außerdem gefiel ihr das breite Bett mit dem hohen Kopfteil. Es gab noch eine Kommode mit geschwungenen Beinen und ein Regal. Das Beste war aber der Ohrensessel mit Fußbank. Joleen ließ sich hineinplumpsen und legte die Füße hoch. Sie wusste sofort, dass dies ihr Lieblingsplatz werden würde.

"Und jetzt nach draußen", rief Tilli und lief schon nach unten.

Außer vom Wohnzimmer aus gelangte man noch aus einem schmalen Flur mit einer Hintertür auf die gepflasterte Terrasse. Von dort führten zwei Stufen in den Garten hinunter. Joleen war begeistert über die vielen Bäume, an denen fast reife Äpfel und Birnen hingen. Von den Nachbarhäusern sah man nichts, so zugewachsen war alles.

"Das ist ja praktisch", rief Tilli und öffnete eine Pforte, durch die man nach vorn in den Unterstand kam, in dem ihr Auto parkte. Nach hinten in den Garten schloss sich ein lang gestreckter gemauerter Schuppen mit mehreren Türen an den Autostellplatz an. An dessen Fachwerkmauer rankten Rosen, die einen betörenden Duft verströmten. Schnuppernd folgte Joleen dem Plattenweg in den Carport. "Ich hab gar nicht gewusst, dass Rosen so stark duften können", sagte sie, während sie beim Ausladen half.

"Am besten entfalten sie sich in der Abenddämmerung und früh am Morgen. Geh rein und mach die Terrassentür weit auf, damit wir drinnen auch was davon haben."

Nachdem sie alle Kisten und Taschen ins Haus gebracht hatten, machten sie sich Nudeln und Tomatensoße, und nach dem Essen richteten sie sich in ihrem neuen Zuhause ein. Joleen räumte Gertruds Krimskrams aus dem Regal in ihrem Zimmer und stellte ihre Bücher hinein. Tilli kam mit frischer Bettwäsche und sah sich bei ihr um.

"Unten bei mir steht was, das viel besser hier reinpasst", sagte sie, warf Joleen den Bettbezug hin und lief los.

Wenig später schleppte sie einen ovalen Spiegel mit Holzrahmen an, den sie auf die Kommode mit den drei breiten Schubladen stellte.

"Perfekt. Der macht das Zimmer erst richtig gemütlich. Ha! Da habe ich gleich noch eine Idee." Weg war sie.

Kurz darauf breitete sie ihre Schätze vor dem Standspiegel aus: eine Haarbürste, einen Kamm und dazu passend ein kleines Tablett. Alle Teile waren aus Silber und dunkel angelaufen.

"Ein bisschen polieren und sie sehen aus wie neu", erklärte sie. "Ich wette das sind echte Antiquitäten. Auf den Teller hier kannst du deinen Schmuck legen."

"Gute Idee." Viel hatte Joleen zwar nicht, aber immerhin eine Goldkette mit Kleeblattanhänger, die Tilli ihr zum zehnten Geburtstag geschenkt hatte. Außerdem ein paar bunte Haarspangen, einen Fingerring, der ein bisschen locker saß, und die schwere Silberkette.

"Ah, das Medaillon." Tilli nahm ihr die Kette ab, betrachtete sie eine Weile und strich über den Anhänger, auf dessen Deckel fünf winzige Kreise eingraviert waren, aus denen oben jeweils eine Art Stiel herauszuwachsen schien. Klickend schnappte er auf. "Ein Jammer, dass kein Bild von deiner Mutter drin ist." Sie seufzte.

Joleen hatte den Verdacht, Tilli war enttäuschter als sie selbst, dass sich im Amulett nur ein daumennagelgroßer matt schimmernder Splitter von etwas befand, das sie nicht kannten. "Wir können ja ein Foto von dir reinkleben", schlug sie vor.

"Du weißt genau, dass du es nicht verändern darfst."

Tilli sah so erschrocken aus, dass Joleen sie beruhigte: "War nur ein Scherz."

"Ich finde ja auch, dass die Geschichte, die Amma mir damals erzählt hat, ziemlich merkwürdig ist", sagte Tilli. "Es schadet aber auf keinen Fall, wenn wir das Medaillon so lassen, wie es ist. Tragen kannst du es ja doch nicht, dafür ist es viel zu klobig." Sie legte die Kette zu den anderen Schmuckstücken auf das Tablett, sagte Gute Nacht und ging nach unten.

Joleen nahm die Silberkette und wog das Amulett in der Hand. Es war schwer und kühl. Sie ließ den Deckel aufschnappen und strich mit dem Daumen über den matten Splitter. Im Gegensatz zur Silberhülle war er warm. Früher hatte sie sich immer ausgemalt, er wäre ein ungeschliffener Edelstein. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie ihn eines Tages für viel Geld verkaufen würde, sodass sie und Tilli sich nie wieder Sorgen wegen der Miete machen mussten. Sogar von einem Urlaub in Takatukaland hatte sie geträumt. Inzwischen wusste sie natürlich, dass Astrid Lindgren sich diesen Namen nur ausgedacht hatte. Dass der Splitter kein Diamant war, hatte sie während einer Internet-AG an ihrer letzten Schule herausgefunden.

Angeblich gehörte die Kette früher ihrer Mutter und die hatte bestimmt, dass sie an ihre Tochter weitergegeben werden musste, wenn ihr einmal etwas zustoßen sollte. So hatte es Amma erzählt. Zumindest behauptete Tilli das. Joleen war erst vier Jahre alt gewesen, als Amma verschwand, und konnte sich nicht mehr an sie erinnern.

Sie schob das Amulett unter ihr Kopfkissen, zog ihr Nachthemd an, schlüpfte ins Bett und löschte das Licht.

Die nächsten Tage verbrachten sie damit, Schränke aus- und wieder einzuräumen, wobei sie kräftig aussortierten. Sie brauchten über eine Woche dafür. Danach legten sie erst mal eine Pause ein. Mit dem Schuppen wollten sie sich Zeit lassen. Joleen wusste, dass das bei Tilli bedeutete, sie hatte keine Lust, zwischen Spinnweben herumzukriechen. Das störte sie aber nicht, denn der Garten und alles drum herum gefiel ihr so, wie er war.

In der Küche trennten sie sich von kaum etwas. Tilli kochte nur selten, daher übernahm Joleen das häufig. Ihre Spezialität waren Pfannengerichte. In den Ferien versuchte sie sich aber schon mal an komplizierten Rezepten. So auch jetzt.

Sie blätterte einige der Kochbücher durch, die Cousine Gertrud ihnen hinterlassen hatte, und entschied sich für Zitronenhähnchen, weil sie zufällig Hähnchenbrust eingekauft hatten. Während sie das Fleisch abspülte, Zitronen in Viertel schnitt, Knoblauch schälte und Rosmarin, der im Garten wuchs, zupfte, ließ sie ihre Gedanken schweifen.

Tilli hatte bereits eine Freundin gefunden. Sie hieß Agnes Kruggel, wurde aber nur Kruggeline genannt. Sie leitete die kleine Dorfbücherei und arbeitete in der Gemeindeverwaltung mit. Kruggeline wusste über alles im Ort bescheid und konnte Tilli helfen, einen Yoga-Kurs zu organisieren. Die Verjüngungsübungen der chinesischen Kaiser, die sie dabei angeblich ausführte, sollten Tillis Körper fit, jung und gesund halten. Es schien zu funktionieren, denn immerhin war sie vor einigen Wochen sechsundsiebzig geworden, doch das merkte man ihr nicht an. Nur mit ihrem Gedächtnis lief es nicht mehr ganz so gut.

Kinder gab es offenbar nicht viele im Dorf. Joleen hatte jedenfalls noch keine kennengelernt. Die paar, die sie gesehen hatte, waren wesentlich jünger als sie. Schräg gegenüber, in dem finsteren Haus, das sie erst für ihr neues Heim gehalten hatten, weil ein Witzbold eine Ziffer der Hausnummer gelockert und verdreht hatte, wohnte ein Junge. Er hieß Rob und war in ihrem Alter, das wusste sie von Kruggeline.

Seine Eltern lebten beide nicht mehr, daher kümmerten seine Großeltern sich um ihn. Die Familie war verreist gewesen, doch an diesem Morgen parkte ein Auto in der Auffahrt und die Rollläden waren hochgezogen. Als sie und Tilli beim Frühstück saßen, war Rob mit dem Fahrrad Richtung Groß Südende weggefahren. Joleen war gespannt, ob sie sich mit ihm anfreunden würde. Vielleicht gingen sie sogar in dieselbe Klasse, dann könnten sie zusammen Hausaufgaben machen.

Nachdem sie alles vorbereitet hatte, schob sie die Auflaufform mit dem Hähnchen in den Backofen und stellte ihn an. Sie räumte die Küche auf und lief nach oben in ihr Zimmer. Das Fenster stand zum Lüften offen, sie wollte es gerade schließen, als ein Auto in ihr Blickfeld geriet. In der friedvollen Mittagsstille kam es ihr so fehl am Platz vor wie ein UFO.

Es handelte sich um einen Polizeibus, der im Schritttempo die Straße heraufkam. Er stoppte auf ihrer Höhe, setzte ein Stück zurück und parkte. Zwei Männer in Polizeiuniform stiegen aus. Einer öffnete die seitliche Schiebetür und hob ein Fahrrad aus dem Bus. Als sie auf das Haus gegenüber zugingen, sah Joleen, dass sie Rob zwischen sich führten. Er wirkte klein und geduckt und ließ die Schultern hängen. Auf dem Treppenabsatz drehte er sich um und sah direkt zu ihr hoch.

Siedend heiß rieselte es ihr über den Rücken und sie zuckte zurück. Natürlich war es zu spät. Er musste sie schon lange vorher gesehen haben, sonst hätte er nicht heraufgeschaut.

Es sah aus, als würde der graue Kasten die drei Menschen verschlucken, so schnell verschwanden sie darin. Die Polizisten kamen nach wenigen Minuten wieder heraus, wendeten den Wagen und fuhren davon. Drüben bewegte sich an einem Fenster die Gardine.

Es wäre schön, einen Freund zu haben, dachte Joleen, doch einen, den die Polizei nach Hause brachte? Andererseits gehörte einer von den Polizisten vielleicht zu seiner Familie, dann wäre das völlig normal.

Es hatte aber nicht normal gewirkt. Im Gegenteil. Rob sah so schuldbewusst aus, dass er ihr leidgetan hatte. Das war idiotisch, denn sie wusste ja gar nicht, was vorgefallen war. Nachdenklich schloss sie das Fenster, kramte ihr neuestes Buch heraus und lief nach unten in den Garten.

Tilli kam pünktlich mit dem Klingeln der Backofenuhr nach Hause, und kaum waren sie mit dem Essen fertig, tauchte Kruggeline auf, um ihre neue Freundin abzuholen. Am Wochenende fand in Klein Südende das alljährliche Dorffest statt und Tilli ließ sich gern überreden, bei der Organisation zu helfen.

Joleen wollte unbedingt mehr über Rob erfahren, daher fragte sie Kruggeline möglichst beiläufig: "Wie heißen die Leute schräg gegenüber doch gleich?"

"Das sind die Santacks. Ich habe gehört, dass sie aus dem Urlaub zurück sind. Hast du Rob schon kennengelernt?"

"Noch nicht. Arbeitet jemand von denen bei der Polizei?"

"Aber nein, wie kommst du auf die Idee?" Kruggeline ließ die Gabel sinken, mit der sie im Topf nach Hähnchenresten geangelt hatte. "Was ist denn passiert?"

Joleen erzählte ihr vom Polizeiwagen und von Rob, der so schuldig gewirkt hatte.

Kruggeline seufzte. "Ich versteh das nicht", sagte sie. "Warum muss dieser Junge sich bloß dauernd in Schwierigkeiten bringen? Na, das hat garantiert ein Donnerwetter gegeben. Da wird der alte Santack schön getobt haben."

Mehr erfuhr Joleen nicht, denn Tilli kam aus dem Bad, und die beiden Frauen machten sich auf zu einer Sitzung des Festkomitees. Sie erledigte den Abwasch und lief nach oben in ihr Zimmer. Ursprünglich wollte sie noch lesen, aber ihr ging zu viel im Kopf herum, daher setzte sie sich ans offene Fenster und schaute hinaus.

Es war still im Dorf. Unter ihr im Garten zirpte eine Grille, sonst regte sich nichts. Das Haus der Santacks wirkte leblos und verlassen. Gerade, als sie sich fragte, was Rob wohl im Moment tun mochte, sah sie drüben am Giebelfenster eine Bewegung. Sie erhaschte einen kurzen Blick auf sein Gesicht hinter der Scheibe, dann wurde der Vorhang zugezogen.

3. Rob

Rob riss die Fenstervorhänge zu und schleppte sich zu seinem Bett. Die Welt war so ungerecht!

Er konnte kaum glauben, dass das alles wirklich passiert war. Der Tag hatte allerdings gleich mies angefangen, denn sein Großvater erinnerte ihn noch vor dem Frühstück daran, dass es ihm bis zum Ende der Ferien verboten war, nach Groß Südende zu fahren. Dabei musste er unbedingt dorthin. Er brauchte nur daran zu denken, wie es zu dem Verbot gekommen war, dann kochte die Wut in ihm hoch.

Am letzten Schultag streifte er nach dem Unterricht versehentlich das Hinterrad eines anderen Fahrrads mit seinem. Es war nur ein leichter Zusammenstoß, und obwohl er sich entschuldigte, pöbelte der Typ, dem das Rad gehörte, ihn an. Dessen Kumpel bauten sich vor ihm auf und ehe er sich versah verwickelten sie ihn in eine Keilerei.

Irgendwann kreuzte der Hausmeister auf und schleppte ihn zum Schulleiter. Der rief seinen Großvater an, um ihm mitzuteilen, dass sein Enkel "mal wieder" einen Tadel wegen seiner Gewalttätigkeit bekommen hatte.

Gewalttätigkeit, so ein Quatsch. Er hatte sich schließlich nur verteidigt. Wie üblich interessierte seinen Großvater das einen Dreck.

Rob starrte an die Decke und vor seinem inneren Auge lief noch einmal ab, was an diesem Tag geschehen war.

Nachdem er an das Verbot, Klein Südende zu verlassen, erinnert worden war, saß er beim Frühstück wie auf Kohlen, doch dann kam die Erlösung, denn sein Großvater verkündete wie erhofft: "Ich geh ein Stündchen zum Siebert rüber. Mal hören, was sich während unseres Urlaubs hier so getan hat."

Sobald er weg war, holte Rob sein Sparschwein unter dem Bett hervor, leerte es aus und zählte sein Geld. Es würde gerade reichen.

Der alte Herr Beyer aus dem Spielwarenladen in Groß Südende hatte ihm am letzten Schultag erzählt, dass die derzeitige Version des Computerspiels "Invasion aus der Galaxis" reduziert werden würde. Er hatte versprochen, ihm ein Exemplar zurückzulegen und er brannte darauf, es endlich auszuprobieren.

Rob schlenderte nach unten und rief seiner Großmutter in der Küche ein "Tschüss" zu, dann war er aus dem Haus und lief zum Fahrradschuppen. Ihm blieb ungefähr eine Stunde, bis sein Großvater zurückkäme. Das war nicht viel, aber er konnte es schaffen.

Entschlossen schwang er sich auf sein Rad und trat in die Pedale. Zwar war er die Strecke wegen des dämlichen Verbots in diesen Ferien nicht gefahren, doch es war sein Schulweg und seine Beine schienen von selbst zu wissen, wann sie treten, bremsen und pausieren mussten. An der Steigung, kurz bevor man aus dem Wald kam, pustete er ordentlich. Oben angekommen bog er auf die Kreisstraße mit dem Radweg ein und ließ sich nach Groß Südende hineinrollen.

Es war ein normaler Freitag, abgesehen davon, dass Ferien waren, daher war die Stadt belebt. Vor dem Laden mit dem Namen Spielzeugkiste standen Tische mit Plastikeimern, Schaufeln und Plastikharken. In einem Container stapelten sich bunte Bälle unter einem Netz. Und da war er! Ein Drehständer voller Computerspiele.

Dass er einen PC besaß, hatte er Kruggeline zu verdanken. Als das Gemeindebüro mit neuen Modellen ausgestattet wurde, hatte sie ihm eins der ausgemusterten Geräte zugeschustert. Ein Computer ist kein unnützes Spielzeug, sondern ein wichtiges Lernmittel für die Schule, hatte sie argumentiert und damit seinem Großvater den Wind aus den Segeln genommen. Spielen konnte er darauf natürlich nur heimlich.

Rob stellte sein Rad ab und sah den Drehständer mit den DVDs durch. Es waren einige darunter, die ihn interessierten, doch sein Geld reichte nur für eine. Er zwang sich, die einzelnen Fächer nur schnell durchzugehen auf der Suche nach "Invasion aus der Galaxis". Es war nicht dabei, sodass leise Panik sich bei ihm breitmachte.

Auf Herrn Beyer ist Verlass, beruhigte er sich und betrat den Laden. Drinnen war es schummrig und er brauchte einen Moment, bis seine Augen sich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnten. Ein Blick zum Kassentresen ließ ihn erstarren. Dort stand nicht Herr Beyer, sondern ein Junge von seiner Schule. Dessen Onkel war der Eigentümer der Spielzeugkiste. Rob hatte ihn schon öfter aushelfen sehen, wenn Herr Beyer Urlaub machte oder krank war. Normalerweise verdrückte er sich an solchen Tagen wieder, denn der Typ gehörte zu den Großmäulern, denen man besser aus dem Weg ging. Diesmal hatte er keine Wahl.

"Hi", sagte er und schlenderte an die Kasse. Mach es so kurz wie möglich, dachte er. "Herr Beyer wollte mir was zurücklegen. Ein Exemplar von "Invasion aus der Galaxis". Das würde ich jetzt gern abholen."

Der Junge musterte ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen, blies eine Kaugummiblase und ließ sie platzen.

"Is' nichts da."

Mist, dachte Rob, jetzt bloß die Ruhe bewahren. "Könnte es vielleicht im untersten Fach unter dem Tresen liegen?", fragte er gespielt gleichgültig. Er wusste, dass Herr Beyer dort alles Mögliche aufbewahrte.

"Is' nichts da", sagte der Junge, ohne nachzuschauen. "Verstehste deine eigene Muttersprache nicht?"

Am liebsten wäre Rob hinter den Tresen gestürmt und hätte selbst nachgesehen. Er musste sich zusammenreißen, um nicht loszupöbeln. Sinnlos, es noch weiter zu versuchen. Im Grunde wusste er das bereits, als er den Jungen sah.

Damit der Typ nicht merkte, wie wütend er war, schob er seine zu Fäusten geballten Hände in die Hosentaschen. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn alles geklappt hätte. Er drehte sich um und musste sich regelrecht zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Kurz vor der Tür nahm er aus dem Augenwinkel einen Kasten wahr, der unter einem Regal herausragte. Darin lagen Computerspiele.

Rob ging in die Hocke, zog ihn hervor und suchte ihn hastig durch. Tatsächlich fand er ein Exemplar von "Invasion aus der Galaxis". Er konnte sein Glück kaum fassen und schluckte heftig. Ruhig Blut, sagte er sich. Den Triumph, dass der Typ an der Kasse ihn ausrasten sah, wollte er ihm nicht gönnen. Lässig stand er auf, schlendert zurück und legte die DVD und drei Zehner auf den Verkaufstresen. Der Junge nahm die Scheine und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Comic zu, in dem er gelesen hatte.

"Ich krieg noch 'n Fünfziger raus." Rob wusste in dem Moment, als er das sagte, dass es für die Katz war.

"Schon mal was von Trinkgeld gehört? Verpiss dich, Alter."

Das Blut schoss ihm ins Gesicht, und es fehlte nicht viel und Rob wäre dem anderen an die Gurgel gesprungen.

Bloß jetzt keinen Stress, ermahnte er sich, nur keinen Ärger. Er musste zu Hause sein, bevor sein Großvater da war. "Armleuchter", stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen aus. Fast blind vor Wut schnappte er sich die DVD, schob sie vorn in sein T-Shirt und hastete nach draußen. Eine Sekunde länger und er wäre explodiert und hätte dem Saftsack gehörig die Meinung gegeigt, egal, welche Folgen das haben würde.

Er war so außer sich, dass er den Mann an der Tür nicht bemerkte und voll in ihn hineinlief. Es war der Onkel des Jungen an der Kasse, der Mann, dem der Laden gehörte.

"Hoppla junger Freund", sagte er und hielt Rob fest, damit er nicht hinfiel. "Warum so eilig, es sind doch noch Ferien." Plötzlich stutze er und tastete über Robs Brust. "Nanu? Was haben wir denn hier?" Sein Ton war nun schneidend und er packte ihn hart am Oberarm. "Was hast du da?"

Rob zog die DVD heraus und zeigte sie vor. "Die hab ich eben gekauft."

"Gekauft? Dann kannst du mir ja sicher auch den Kassenbon zeigen."

Kassenbon? Es durchzuckte ihn siedendheiß. Er hatte keinen Bon. Er hatte ja nicht mal Wechselgeld bekommen. Rob schluckte. "Den hab ich nicht, aber Ihr … Neffe kann es Ihnen bestätigen."

"Stimmt das Hillmer?", fragte der Ladeninhaber und sah seinen Neffen fragend an.

Hillmer hob mit Unschuldsmiene die Schultern und ließ sie wieder sinken. "Bei mir nicht", sagte er.

Rob fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Medizinball an den Kopf geknallt. Er war so schockiert, dass er einen Moment kein Wort herausbrachte, schließlich riss er sich los und stürmte auf Hillmer zu. "Du hinterhältiger Lügner!", brüllte er ihn an. Hillmer wartete nicht ab, sondern lief um die andere Seite des Tresens herum. Rob stürzte hinterher und landete wieder in den Armen des Ladeninhabers. Diesmal hielt der Mann ihn so fest, dass es schmerzte. Was dann folgte, war der reinste Albtraum.

Rob boxte ins Kissen neben sich und starrte in die Dunkelheit seines Zimmers. Er fasste es einfach nicht, dass ihm nie jemand glaubte, wenn er etwas sagte.

Das Spiel hatten sie ihm abgenommen und in der Spielzeugkiste hatte er erst mal Hausverbot. Abgesehen davon, würde er sowieso keinen Fuß mehr in den Laden setzen. Da sich sein Hausarrest mit einem Schlag verdreifacht hatte, lagen ein paar öde Wochen vor ihm. Vom Spott, der ihn in der Schule erwartete, ganz zu schweigen.

An Tagen wie diesem spielte er mit dem Gedanken, einfach abzuhauen und sich in irgendeiner Großstadt zu verkriechen. Er hatte jedoch genug Fernsehberichte gesehen, um zu wissen, dass obdachlose Jugendliche keineswegs im Paradies lebten, im Gegenteil. Die meisten wurden sowieso aufgegriffen und nach Hause zurückgebracht. Außerdem hatte er den Verdacht, seinem Großvater mit einem missglückten Ausreißversuch sogar einen Gefallen zu tun. Damit hätte der alte Mann endlich einen Grund, ihn in ein Heim für Schwererziehbare zu stecken, wie er es immer androhte. Rob war überzeugt, er hatte es bis jetzt nur noch nicht getan, weil er fürchtete, die Nachbarn würden dann schlecht über ihn reden.

Als die Polizei ihn zu Hause ablieferte, kam von seinem Großvater natürlich der übliche Standardspruch: "Was kann man von einem Bengel mit einem Nichtsnutz von Vater auch anderes erwarten."

Den brachte er ständig, und Rob könnte jedes Mal an die Decke gehen. Alles, was er über seinen Vater wusste, hatte er aus Gesprächen aufgeschnappt. Demnach, was die Nachbarn so tratschten, wurde seine Mutter schwanger, als sie noch nicht mal richtig mit der Schule fertig war, und sein Vater machte sich sofort aus dem Staub. Kein Sterbenswörtchen sollte mehr von ihm gekommen sein. Die Leute erzählten, dass er irgendwann einen tödlichen Motorradunfall hatte und dass seine Mutter vor Kummer darüber krank wurde und starb. Einige glaubten allerdings, sie hatte Tabletten genommen. Als das passierte, war er fünf. Er verstand, dass seine Mutter das alles nicht ertrug, denn oft genug erging es ihm selbst so. Was er ihr nicht verzeihen konnte, war, dass sie ihn allein bei dem alten hartherzigen Mann zurückgelassen hatte.

4. Zarathustra

Zarathustra brauchte einen Moment, bis er das Gleichgewicht wiederfand, als er vor dem Schloss des Zauberers Grumm materialisierte.

Die Fee richtete schon ihr Kleid, hängte sich ihre unförmige Handtasche über den Arm und schlenderte auf die wuchtige Eingangstür zu. Zwei Wachen, die links und rechts davon standen, zogen die Türflügel für sie auf.

Sie kamen in einen Saal, an dessen anderem Ende ein großer stämmiger Mann mit ausgefranstem Bart ungeduldig auf und ab ging. Auf seinem schwarzen knöchellangen Mantel blitzten Sterne in Gold und Silber, darunter schauten gebogene Schnabelschuhe hervor. Um die Taille trug er eine Kordel mit dicken Troddeln, die bei jedem Schritt schwer gegen seine Beine schlugen. Auf seinem Kopf saß ein Hut, der wie eine Zuckertüte aussah. Grumm, der Zauberer.

"Du kommst spät, Märchenfee!", empfing Grumm sie und deutete auf den freien Stuhl vor seinem Pult.

Voller Bewunderung beobachtete Zarathustra, wie die Fee stehen blieb, in die Tasche ihres Kleides griff und mit der elegant gelangweilten Handbewegung, die sie vor der Vitrine eingeübt hatte, die Taschenuhr herauszog. Sie ließ sie aufschnappen, warf einen Blick darauf und sagte: "Gemach, mein lieber Grumm, gemach." Nachdem sie die Uhr eingesteckt hatte, zückte sie ein Spitzentaschentuch, wedelte damit über die Sitzfläche des Stuhls und nahm Platz.

Nicht weit von ihr saß eine Frau mit goldblondem Haar, das sich zur Hälfte kunstvoll lockte, während die andere Seite platt herunterhing. Das Oberteil ihres Kleids bestand aus Samt und Seide mit Goldstickerei, im Gegensatz dazu sah ihr Rock aus wie ein Sack. Sie starrte die Märchenfee so grimmig an, als wollte sie sich jeden Moment auf sie stürzen. Die Fee dagegen beachtete sie überhaupt nicht. Neben Grumms Pult saß sein dürrer Gehilfe.

"Fangen wir an", sagte der Zauberer. "Schreiber, lies vor."

Das Männlein raschelte umständlich mit den vor ihm liegenden Blättern und begann: "Ich, Rubinella, stelle den Antrag auf eine eigene Geschichte, wie es sich für eine Märchenfigur gehört."

Einen Moment herrschte Stille, dann fragte Grumm: "Märchenfee, stimmt es, dass diese Person keine Geschichte hat?" Er starrte die Fee über den Rand seiner Lesebrille hinweg an.

"Ach du meine Güte, woher soll ich das wissen, bei der Unmenge an Märchen, die ich schon in die Welt geschickt habe."

"Es muss im Buch stehen", rief die Blonde und sprang auf. "Alle Geschichten stehen im Buch! Außerdem kann ja wohl jeder sehen, dass ich noch nicht fertig bin." Ihre Hände flogen an ihren Kopf und sie zerrte an ihren Haaren. "Oder nennst du das eine Frisur?"

"Ist ja gut, Frau, ist ja gut", beschwichtigte Grumm sie. "Das Buch der Geschichten bitte."

Zarathustra trat vor und wuchtete das Buch im blauen Samttuch auf den Tisch des Schreibers. Der wickelte es aus und öffnete die goldene Schnalle, die es zusammenhielt. Das Buch klappte schwungvoll auf und eine Staubwolke quoll daraus hervor und bescherte dem Gehilfen einen Niesanfall.

"Alfons … äh, Zarathustra! Wann hast du es das letzte Mal abgestaubt?", wollte die Fee wissen.

Zarathustra zuckte mit den Schultern. "Als du es das letzte Mal benutzt hast."

"Lies!", befahl der Zauberer dem Schreiber und nahm hinter seinem Tisch Platz.

Das Männlein beugte sich tief über das Buch. "Es war einmal eine Frau. Rubinella war ihr Name", las es mit kurzsichtigen Augen und schaute auf.

"Ja, weiter, weiter", forderte Grumm voller Ungeduld.

"Mehr steht hier nicht."

"Da siehst du's!" Rubinella sprang auf. "Keine Geschichte für mich."

"Sei doch froh", meinte die Fee. "Ich hätte dich ja auch zu einer dummen Pechmarie machen können. Außerdem, seit wann ist es Märchenfiguren gestattet, sich über ihre Geschichte zu beschweren?"

"Ich habe ja gar keine Geschichte", brauste Rubinella auf. "Aber ich habe einen Namen, und deshalb steht mir eine zu. Das ist Gesetz! Das weiß ich genau."

Grumm öffnete eine dünne Akte, nahm ein Blatt Papier heraus und starrte darauf, als läse er den Text zum ersten Mal. Zarathustra sah, dass die Märchenfee die Augen verdrehte, denn es war klar, was nun kommen würde.

"Wie ich lese, meine liebe Silviane, hast du bereits eine Rüge erhalten", sagte Grumm. "Weil du einen der wertvollen Zauberspiegel zerbrochen hast. Und nun muss ich dich schon wieder ermahnen."

Die Fee schnaubte. "Ich bitte dich, das kann ja wohl mal passieren. Außerdem möchte ich drauf hinweisen …"

"Du bist nicht in der Position, hier große Reden zu halten", schnitt Grumm ihr das Wort ab. "Jeder Figur steht eine Geschichte zu, sobald du ihr einen Namen gegeben hast. Muss ich dich wirklich erst daran erinnern?"

"Gut, meinetwegen." Die Fee seufzte, stand auf und begann: "Es war also einmal eine Frau. Rubinella war ihr Na…"

"Oh nein!" Rubinella stürzte zu Grumm an den Tisch und klopfte bei jedem Wort mit der Faust auf die Akte, die vor ihm lag. "Auf keinen Fall! So geht das nicht. Das kannst du ihr nicht einfach so durchgehen lassen. Ich will eine ordentliche Geschichte, nicht irgendwas, das sie sich aus den Fingern saugt. Ich will Macht und ich will ein Schloss. Und ich will Gold und Edelsteine. Ich will alles! Das volle Programm! Mein Name ist königlich! Mir steht eine Krone zu!"

"Ach", schnappte die Fee. Auch sie war inzwischen vor Grumm getreten. "Machen die Figuren sich jetzt ihre Geschichte schon selbst? Das letzte Wort habe immer noch ich."

"So einfach lass ich mich nicht abspeisen." Rubinellas keifige Stimme hallte durch den Saal und erzeugte ein hässliches Echo.

"Ruhe zum Donnerwetter!" Grumm schlug mit der Faust auf den Tisch. "Setzen! Alle beide!"

Die Frauen sahen sich an, als würden sie gleich übereinander herfallen, staksten dann aber jeweils zu ihrem Stuhl und setzten sich.

Der Zauberer erhob sich und rückte seinen spitzen Hut zurecht. "Mein Schiedsspruch", verkündete er. "Ich weise dich, Märchenfee, an, der hier anwesenden Rubinella eine Geschichte mit allem Pomp zu geben. Keine Widerrede", blaffte er in Richtung der Fee und würgte so ihren Protest ab, bevor sie auch nur ein Wort herausbrachte. "Und da du dich so widerspenstig gebärdest, wirst du die Geschichte in alter Tradition erschaffen."

"In alter Tradition?" Die Fee schoss von ihrem Stuhl hoch. "Du meinst doch wohl nicht etwa, ich soll …"

"Genau das meine ich. Vermerk das, Schreiber, und unterstreiche es dick. Solltest du dich nicht an meine Anweisung halten, liebe Silviane, werde ich deiner Gebieterin, der Feenkönigin, nahelegen, dir das Amt der Märchenfee wegen Unfähigkeit abzuerkennen, so wahr ich die Kunst der großen Magie beherrsche."

"Das ist ja unerhört! Was bildest du dir eigentlich ein, du klei…"

Zarathustra sah das Unglück kommen und zupfte die Fee hektisch am Ärmel, sodass sie sich gerade noch rechtzeitig zusammenriss und den Mund zuklappte.

"Heißt das, du weigerst dich?", fragte Grumm.

Sein Gesichtsausdruck glich dem eines Luchses auf der Lauer, doch die Fee war schlau genug, Gefahr zu erkennen, wenn sie ihr gegenüberstand.

"Natürlich weigere ich mich nicht. Wieso sollte ich auch, aber jeder weiß, dass die Menschlinge kein Interesse mehr an der alten Tradition haben. Sie wollen nur noch diese bunten Bilder sehen, die von alleine laufen. Wie soll ich bei so viel Ignoranz eine Geschichte entstehen lassen? Ich meine, eine gute Geschichte?"

"Diese Fähigkeit, meine Liebe, ist genau das, was eine gute Märchenfee auszeichnet." Die Worte tropften wie Salzsäure von Grumms Lippen. Er war sehr zufrieden mit sich. "Du hast von heute an drei Tage." Sein Hammer knallte auf den Tisch. "Die Sitzung ist geschlossen!"

Ohne einen Blick auf die Beklagte oder die Klägerin drehte er sich schwungvoll um und verließ mit wehenden Mantelschößen den Saal.

Rubinella sprang von ihrem Stuhl auf. "Ich will eine Krone, schreib das auf", befahl sie dem Schreiber und die Finger des Männleins flogen nur so über das Papier, während er notierte. "Ein Schloss und alles. Vergiss das lieber nicht, Märchenfee, sonst hagelt es wieder Beschwerden. Und ich will eine große Geschichte und ich will wichtig sein und ich will Berater!"

Die Fee verdrehte die Augen, stand auf und stolzierte davon.

"Und Pferde und Tauben! Und außerdem kostbare Kleider und Schmuck!"

Zarathustra nahm das Buch der Geschichten, warf das Samttuch darüber und folgte der Fee.

"Und ich will riesige Säle in meinem Palast und Kerzen und tausend Diener! Und eine Bibliothek und Gelehrte und …"

Er war froh, als die Tür endlich hinter ihm zufiel, denn ihm schwirrte langsam der Kopf.

"In alter Tradition!" Kaum waren sie zurück im Schloss, machte die Fee ihrem Ärger Luft. "Die alte Tradition! Weißt du, was das bedeutet?"

"Äh …"

"Genau! Schon wieder, und dabei hab ich mir geschworen, auf keinen Fall mehr einen Fuß in die Welt der Menschlinge zu setzen." Sie ließ sich auf ihren Sessel plumpsen. "In alter Tradition. Das verzeihe ich diesem Grumm nie."

"Du kannst aber nicht abstreiten, dass du ihr einen Namen gegeben hast."

"Na und? Du hast auch einen Namen, musst du deswegen gleich eine Geschichte haben?"

Ihm war klar, dass sie keine Antwort auf diese Frage erwartete, ansonsten säße er schön in der Patsche. Wer wollte nicht lieber Held seiner eigenen Geschichte sein, statt als Dienstbote für eine nörgelige Märchenfee zu arbeiten?

Zarathustra kratzte sich am Kinn. So richtig verstand er die Aufregung der Fee nicht. "Das machst du doch mit links. Schnippst dich zu den Menschlingen, rasselst die Geschichte runter und bist zack zurück."

"Natürlich ist die Geschichte kein Problem." Die Fee sah ihn an, als wäre er auf den Kopf gefallen. "Die Frage ist nur, ob die Menschlinge mich darum bitten werden, ihnen eine zu erzählen." Sie sprang auf. "Ach, diese dummen Erdenbürger." Verzweifelt warf sie die Hände in die Luft. "Wieso mussten sie auch die laufenden Bilder erfinden? Und warum trinken sie so merkwürdiges Zeug wie dieses Honigbier, von dem einem ganz schwummrig im Kopf wird. Und weshalb hab ich mich damals überreden lassen, davon zu kosten? Nie hätte ich sonst so ein raffgieriges Wesen erfunden wie diese Rubinella. Wie konnte ich dieser gierigen Person bloß einen Namen geben, bevor das Unglück mit dem Spiegel geschah?"

Zarathustra starrte sie einen Moment verständnislos an, dann kam langsam die Erinnerung. "Feuerstein und Funkenschlag! Du kannst den Menschlingen ja nur eine Geschichte erzählen, wenn sie dich darum bitten."

"Das ist es ja." Die Märchenfee verdrehte die Augen. "Ich ziehe diesem Grumm das Fell über die Ohren, stampfe ihn zu Mus und werfe ihn dem nächstbesten Drachen zum Fraß vor."

Zarathustra trat unauffällig einen Schritt zur Seite, um ihr nicht in die Quere zu kommen, während sie auf und ab stapfte.

"Drei Tage! Wie soll ich das schaffen? Niemals werden sie mich rufen, nicht in dreihundert Tagen." Weiter ging es mit ihrer Wanderung durch den Salon. "Was denkt er, wer er ist? Der rechte Arm der Feenkönigin?"

"Na und?", sagte Zarathustra. "Was wird schon groß sein, wenn sie dich nicht rufen. Du hast seit Ewigkeiten kein Märchen mehr erzählt und niemand hat sich beschwert."

"Du verstehst mal wieder gar nichts. Dafür, dass ich keine Märchen erzähle, kann ich nichts. Wenn ich nicht gerufen werde, dann eben nicht, aber dafür, dass es diese Figur mit Namen Rubinella gibt, bin ich selbst verantwortlich. Ich möchte bloß mal wissen, wer dieser Pute gesteckt hat, dass ihr eine Geschichte zusteht. Das wird sie ja wohl kaum von allein rausbekommen haben."

"Ich tippe messerscharf auf Grumm."

"Und woher soll der gewusst haben, dass Rubinella existiert? Nein, nein. Da muss jemand anders am Werke sein. Ich frage mich …"

Weiter kam sie nicht, denn ein ohrenbetäubender Gong ertönte. Ein Geräusch, das in dem alten Gemäuer nur selten zu hören war. Das Schloss der Märchenfee konnte nur erreichen, wer eingeladen war oder selbst zum Volk der Feen gehörte.

Silviane und Zarathustra sahen sich noch verwundert an, da flog die Tür auf und hereinspaziert kam eine Frau. Abgesehen von einer Weste, die weiß unter ihrem Umhang hervorblitze, war sie ganz in Schwarz gekleidet. Als wäre sie bei sich zu Hause, warf sie ihre Spitzenhandschuhe auf den Tisch, stemmte die Hände in die Hüften und sah sich um.

"Ich hab schon immer gewusst, dass du einen schlechten Geschmack hast, liebste Silviane", sagte sie ohne Begrüßung. "Na ja, das werde ich schnell behoben haben, sobald ich wieder hier eingezogen bin."

"Was du nicht sagst, liebste Tiriane", antwortete die Märchenfee zuckersüß. "Da wirst du dich wohl noch ein paar Tausend Jahre gedulden müssen."

Die Besucherin lachte. "In der Gerüchteküche brodelt ein anderes Süppchen." Sie verrenkte sich den Hals, als würde sie nach etwas Bestimmtem Ausschau halten. "Wie ich sehe, hast du den magischen Spiegel gar nicht erst aufgebaut. Na ja, vermutlich ist er sowieso eingerostet. Oder ist er dir etwa auch runtergefallen?"

Das war eine hinterhältige kleine Anspielung auf das Missgeschick mit dem Handzauberspiegel. Zarathustras Augenbrauen schossen in die Höhe und er meinte, die Märchenfee mit den Zähnen knirschen zu hören.

Sichtlich um Haltung bemüht, griff seine Meisterin nach der Kordel, die neben ihrem Sessel hing, und läutete. Wie nicht anders zu erwarten, flog die Tür auf, als der letzte Ton noch nicht einmal verklungen war, und Albert fiel praktisch in den Salon.

"Unser Besuch möchte gehen", sagte Silviane, ohne ihre Kollegin anzusehen.

Die Fee in Schwarz nahm lachend ihre Handschuhe. "Wir sehen uns zum Jahresfest bei der Feenkönigin. Ach ja." Sie tat, als wäre es ihr gerade eingefallen. "Du solltest dir auf jeden Fall einen eigenen Teller mitbringen, denn es kann leicht mal vorkommen, dass für die Letzte an der Tafel keiner mehr übrig ist."

"Du musst es ja wissen", antwortete die Märchenfee schnippisch, doch die Besucherin war bereits verschwunden.

"Ab in die Küche", blaffte Zarathustra Albert an. "Na, das war ja eine Schau", sagte er, sobald die Tür zu war. "Was sollte denn das Gerede davon, dass sie hier bald alles umräumen wird?"

Die Märchenfee erwachte aus ihrer Erstarrung, griff nach dem nächsten Gegenstand und wollte ihn quer durch den Raum schleudern. Da es sich dabei um die blau gepunktete Milchkanne handelte, aus der ihr die Honigmilch am besten schmeckte, sprang Zarathustra hinzu und nahm sie ihr ab. Sie schien das gar nicht zu merken, warf die Arme in die Luft und stieß ein lautes, durchdringendes "Ahhh!" aus.

Er verdrehte die Augen und klopfte einladend auf ihren Lieblingssessel. Tatsächlich ließ sie sich in die weichen Polster sinken.

"Das ist das Ende." Silviane stöhnte. "Eines Tages musste es ja so kommen. Wie unvorsichtig von mir und dabei habe ich doch genau gewusst, dass sie nur darauf wartet, es mir heimzuzahlen."

"Langsam, langsam." Zarathustra tätschelte ihr die Hand. Er verstand kein Wort, hatte aber vor, das schleunigst zu ändern. "Jetzt mal ganz von vorn", sagte er. "Wer war das und warum will sie dein Schloss?"

"Weil es vorher ihr gehörte."

"Wie das?"

"Wie das! Wie das!", äffte die Fee ihn nach und sprang auf. "Hast du gedacht, ich war schon immer Märchenfee? Glaubst du, man wird so geboren?"

Interessante Frage, dachte Zarathustra. Eine, über die er bisher noch nie nachgedacht hatte. Als er die Fee zum ersten Mal traf, war sie bereits Märchenfee. Das genügte ihm. Er war damals auf Wanderschaft gewesen, da er auf keinen Fall in einem finsteren Felsstollen Steine klopfen wollte. Dummerweise war er wohl ein wenig klein geraten, sodass man – natürlich fälschlicherweise – überall annahm, er sei ein Zwerg. Daher bekam er nirgends vernünftige Arbeit angeboten.

An jenem Tag hielt er gerade Ausschau nach einem Platz für sein Mittagsschläfchen, da landete die Fee direkt vor seiner Nase und schlug lang hin. Wie er sich nun wieder erinnerte, erzählte sie ihm damals schon die Sache mit dem Honigbier, das sie bei den Menschlingen probiert hatte.

Er half ihr, den Inhalt ihrer Handtasche einzusammeln, hörte sich ihr Geplapper über ihren zersprungenen Handzauberspiegel an und stützte sie auf dem Weg zu ihrem Schloss. Das schimmerte plötzlich, nur einen Steinwurf entfernt, wie eine Fata Morgana in der Luft. Er bugsierte die Fee durchs Schlosstor, geleitete sie die breite Treppe hinauf in die Eingangshalle und zu ihrem Lieblingssessel im Salon und blieb einfach bei ihr.

"Wie bist du denn nun Märchenfee geworden?", fragte er.

"Das ist eine lange Geschichte, und eigentlich hat der Posten sowieso von Anfang an mir zugestanden. Aber wie immer hat Tiriane sich vorgedrängt, als die Feenkönigin das Amt neu vergeben musste." Sie grinste. "Das war, nachdem die Märchenfee in Ungnade gefallen war, weil sie den Menschlingen ein Tor geöffnet hatte, durch das sie in unsere Welt gelangen konnten. Tja, und dann fiel die liebe Tiriane selbst in Ungnade. So schnell kann das gehen."

"War sie etwa auch so dumm, Menschlinge ins Reich der Fantasie zu holen?"

"Pah!" Die Fee schnaubte. "Viel dümmer. Sie hat bei den Menschlingen gelebt, freiwillig! Stell dir das mal vor. In all dem Dreck und Gestank." Sie schüttelte sich. "Sie verliebte sich in einen dickbäuchigen Menschlingsmann und hat nur noch ihm Geschichten erzählt. Scheherazade hat sie sich genannt, oder so ähnlich. Alles natürlich heimlich, aber ich bin ihr trotzdem auf die Schliche gekommen. Tja, und da bekam ich ihren Posten und sie wurde zur Strafe zur 13. Fee erklärt, die nur Unglück bringen kann. Für sie ist das eine doppelte Katastrophe, denn die Unglücksfee trägt überwiegend Schwarz, und wenn du mich fragst, dann steht ihr das nun wirklich gar nicht. Schwarz macht alt und hebt die Falten hervor, wovon sie schon reichlich hat."

"Du hast ihr also nachspioniert und sie verpfiffen und jetzt spioniert sie dir nach, um dich zu verpfeifen. Verstehe."

Silviane warf ihm einen giftigen Blick zu. "Das war damals etwas ganz anderes. Hör endlich auf, mir Löcher in den Bauch zu fragen und klapp den magischen Spiegel auf. Wie ich diese Menschlinge kenne, sitzen sie zwar nur da und starren auf ihre Kästen mit den kleinen Bildern, aber versuchen müssen wir es trotzdem. Schließlich bleiben uns bloß drei Tage und ich hasse schwarz."

Zarathustra öffnete die schweren, mit Schnitzereien verzierten Ebenholztüren, hinter denen der große Zauberspiegel hing. Er stieg auf einen Hocker und polierte die matte Fläche aus Elfensilber. Anschließend wuchtete er den Lieblingssessel der Fee herum und zog für sich einen Fußschemel heran.

Die Fee trat vor den Spiegel, konzentrierte sich, hob die rechte Hand und sagte: "Spieglein, Spieglein an der Wand, zeige mir die Märchenwünsche der Menschlinge aus dem anderen Land."

Die Spiegelfläche schimmerte golden, flackerte auf und zeigte ihnen die Menschlinge. Sie hasteten umher, bewegten sich in knatternden Büchsen auf Rädern fort oder hockten vor flimmernden Kästen und starrten auf andere winzige Menschlinge, die darin umherhasteten.

5. Joleen

Es war Samstag und das alljährlich stattfindende Dorffest von Klein Südende begann. An diesem Tag sollte eigentlich das Jungvolk seinen Spaß haben, nur leider setzte ein kräftiger Gewitterregen die Wiese für das Kinderfest unter Wasser, sodass alle Sportspiele gestrichen werden mussten.

Tilli und ihre Freundin Kruggeline standen in der Teeküche des Gemeindehauses beieinander und überlegten, wie sie den Nachmittag retten könnten. Joleen wartete im Flur auf Anweisungen, denn die beiden hatten sie als Helferin eingeteilt. Da sie sich langweilte, sah sie sich die Fotogalerie der ehemaligen Bürgermeister an, die dort an den Wänden hing. Sie hatte nicht vorgehabt zu lauschen, aber als Robs Name fiel, spitzte sie die Ohren.

"Ladendiebstahl? Tatsächlich?", fragte Tilli gerade.

"Ich hab mit der Polizei gesprochen, einer meiner Neffen arbeitet da", erzählte Kruggeline. "Der Junge hat natürlich alles abgestritten und behauptet, nur keinen Kassenbon bekommen zu haben. Eine ziemlich durchsichtige Ausrede, wenn du mich fragst."

Tilli seufzte und Kruggeline sagte: "Der arme Kerl hat es schon schwer genug mit dem alten Griesgram von Großvater. Nicht mal seine Großmutter wagt es, in Gegenwart ihres Mannes den Mund aufzumachen, denn der war früher Richter und führt sich immer noch so auf, als wären alle außer ihm Schwerverbrecher. Da muss der Junge sich doch nicht auch noch solche Schwierigkeiten aufladen."

"Das ist wirklich ein Jammer", stimmte Tilli ihr zu.

"Natürlich wird er jetzt nicht an unserem Fest teilnehmen dürfen. Kein Wunder, dass er keine Freunde hat, wenn der alte Santack ihm ständig Hausarrest aufbrummt."

Joleen zog sich von der Tür zurück. Rob hatte also geklaut und war geschnappt worden. Nun würde sie so schnell wohl nicht die Chance bekommen, ihn näher kennenzulernen, und eigentlich wollte sie das auch gar nicht mehr. Sie könnte nie klauen. Sie würde vor Angst dabei sterben.

"… das ist doch die Idee!", hörte sie Kruggeline sagen, als sie ihre Runde beendete und sich wieder der Tür zur Teeküche näherte. "Ich rufe gleich mal an. Das kann der alte Sauertopf nicht ablehnen und wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir holen den Jungen für einen Tag da raus und die Kinder sind beschäftigt."

Tilli stimmte ihr zu und Kruggeline griff zum Telefon und wählte. Joleen stellte sich in die Tür und beobachtete die beiden.

"Ah! Richter Santack", säuselte Kruggeline in den Hörer. "Sie sind aus dem Urlaub zurück. Hatten sie denn schöne Tage?"

Sie hörte eine Weile zu, wobei sie mehrmals ungeduldig die Augen verdrehte. Als sie wieder zu Wort kam, erklärte sie Robs Großvater, dass sie einen Ersatz für den Spielenachmittag brauchten und auch schon einen gefunden hatten. Die Kinder sollten sich einen Film ansehen, nur leider konnte niemand den Beamer bedienen, daher bat sie ihn, Rob vorbeizuschicken, damit er aushalf.

Die Diskussion ging hin und her, schließlich wies Kruggeline den Richter darauf hin, dass das ein Dienst an der Allgemeinheit sei, sozusagen Sozialarbeit, und er willigte ein.

"Ausgezeichnet", sagte Kruggeline. "Schicken Sie ihn rüber zu meinem Haus. Er soll schon mal den Bollerwagen aus dem Schuppen holen. Die Tochter ihrer neuen Nachbarin kommt gleich vorbei und hilft ihm, ein paar Sitzgelegenheiten zu besorgen. Uns fehlen Stühle, die sind wegen der Feier morgen alle in der Turnhalle." Sie legte auf und lächelte so triumphierend, als hätte sie eine Schlacht gewonnen.

"Du hast es gehört, Joleen", sagte sie und warf ihr einen Schlüssel zu. "Der ist für die Hintertür. Lauf rüber und hilf Rob. Nehmt, was ihr an Kissen findet. Die breiten wir dann im Sitzungszimmer auf dem Fußboden aus."

Es war nicht weit bis zu Kruggelines Haus, Joleen brauchte trotzdem eine Weile, denn sie ging so langsam wie möglich. Sie fand es blöd, aber sie hatte Herzklopfen und feuchte Hände.

Rob wartete hinten auf der Terrasse. Ein knallroter Bollerwagen stand unter dem Vordach bereit.

"Hi", sagte sie lahm und schloss die Hintertür auf, doch die klemmte, egal, wie fest sie sich dagegenstemmte.

"Soll ich mal?", fragte Rob nach einer Weile.

Joleen trat zur Seite und beobachtete, wie er gegen die Tür drückte und gleichzeitig die Klinke hochriss. Sie schabte hässlich über den Boden, ging aber auf.

"Die quillt auf, wenn es regnet", erklärte er und machte Platz, damit sie vor ihm hineingehen konnte.

Im Wohnzimmer sah sie sich unsicher um. "Tja, ähm, willst du oben oder unten suchen?"

"Unten", sagte er und ging in die Küche.

Automatisch fragte Joleen sich, ob Kruggeline wollen würde, dass sie ihm auf die Finger schaute und zögerte, da kam er auch schon mit den Stuhlkissen im Arm zurück. Sie fühlte sich ertappt und flitzte die Treppe hoch. Bald türmte sich auf dem Bollerwagen ein Kissenberg.

Rob holte eine Plane aus dem Schuppen, die breiteten sie über den Wagen, steckten sie ordentlich fest und machten sich schweigend auf den Weg zum Gemeindezentrum.

Joleen hätte gern etwas Intelligentes gesagt, es fiel ihr aber nichts ein. Das Thema Schule kam ihr blöd vor und sie hatte nicht daran gedacht zu fragen, welchen Film sie sehen würden, sodass sie auch darüber nicht reden konnte. Es nieselte wieder leicht, Rob hatte es trotzdem nicht eilig, zum Gemeindehaus zu kommen. Dass sie beide nass wurden, schien er nicht zu merken.

Mit einem Mal schnappte Joleen nach Luft. Natürlich! Wahrscheinlich wussten inzwischen alle, was passiert war. Neuigkeiten sprachen sich in so einem kleinen Ort sicher schnell herum. Sie konnte sich vorstellen, dass er sich unbehaglich fühlte. Die Leute würden ihn anstarren und hinter seinem Rücken tuscheln. Wenn es stimmte, was Kruggeline sagte, dann hatte er keine Freunde. Da die Auswahl im Dorf nicht besonders groß war, würde er nun erst recht keine finden. Klauen mochte für einige ja cool sein, aber Rob kam ihr nicht so vor, als wäre er der Held von Klein Südende.

Als sie in die Straße zum Gemeindehaus einbogen, kamen ihnen drei Jungen auf Fahrrädern entgegen. Sie hielten direkt auf sie zu und fanden sich dabei auch noch sehr witzig. Um nicht mit ihnen zusammenzustoßen, blieben sie stehen und warteten, trotzdem hätte einer Rob fast umgefahren, worüber die anderen sich vor Lachen ausschütten wollten. Die drei stiegen ab und machten sich auf dem Weg breit.

"Hey seht mal", sagte der Kleinste. "Unser Langfinger hat 'ne Braut abgeschleppt." Sie johlten.

"Halt dein Portemonnaie gut fest, Süße!", rief sein Kumpel. "Und zähl deine Finger nachher nach!"

Zu dritt fühlten sie sich stark. Aus dem Augenwinkel sah Joleen, dass Rob rot anlief. Garantiert wussten die Großmäuler genau, wer sie war. Und mit Sicherheit war ihnen klar, dass es Rob extrem peinlich sein musste, so vor ihr bloßgestellt zu werden. Sie hasste solche Typen, die sich immer auf Schwächere stürzten. "Zieht Leine, ihr Blödmänner", rief sie, doch nun lachten sie noch lauter.

"Sandkack hat ein Mädchen als Bodyguard!"

Joleen warf Rob einen Seitenblick zu. Er biss die Zähne zusammen und starrte auf die Straße.

"Hey, Sandkack, knutscht ihr auch?"

"Verpiss dich, du!" Rob hob drohend eine Faust, doch die Jungen grinsten nur.

"Heulst du etwa?", fragte einer, dann grölte er: "Lange Finger machen, aber rumflennen wie 'ne Tussi, mein Gott wie peinlich!"

Es sah tatsächlich so aus, als hätte Rob Tränen in den Augen. Er ließ den Griff des Bollerwagens fallen und stürzte sich auf den jungen, der ihm am nächsten stand. Ohne nachzudenken, packte Joleen ihn am T-Shirt und zerrte ihn zurück. "Mach dir wegen der Idioten doch keinen Ärger", sagte sie.

"Pfoten weg, du Stadtzicke", blaffte Rob sie an und riss sich los. "Dein bescheuertes Mitleid brauch ich nicht."

Er schnappte sich den Griff des Wagens und lief los. Joleen hätte rennen müssen, wenn sie mit ihm Schritt halten wollte.

Die Jungen stiegen auf ihre Räder und einer rief laut: "He, Sandkack, du Heulsuse, wir sehen uns! Spätestens auf dem Weg zur Schule!"

6. Joleen

Als Joleen am Gemeindehaus ankam, waren die Kissen bereits ausgeladen. Sobald sie im Sitzungssaal auftauchte, scheuchte Kruggeline sie hin und her. Sie musste Tüten mit Popcorn bereitstellen und Trinktütchen verteilen. Überall wuselten Kinder herum, und ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass sie sich hinsetzten, und zwar möglichst ohne sich zu schubsen, zu treten oder zu boxen.

Rob hantierte am Beamer. Er sah kurz auf, als sie in seine Nähe kam, danach beachtete er sie nicht mehr.

Es schien ewig zu dauern, bis alle saßen, und erst, als der Titel des Piratenfilms über die Leinwand flimmerte, wurde es friedlicher. Joleen zog sich nach hinten zurück und setzte sich auf eine der Fensterbänke. Fünf Minuten später, gerade, als das Piratenschiff sich bei Nacht und Nebel einem Dreimaster näherte, um ihn zu entern, brach der Film ab. Eine Sekunde herrschte vollkommene Stille, dann gab es Gestöhne. Einige nutzten die Gelegenheit, um aufzuspringen und umherzutoben. Es war chaotisch, nervig und laut.

Kruggeline und Rob fummelten hektisch am Beamer herum und Joleen drängte sich zu ihnen durch. Als sie ankam, sagte Rob gerade: "Tut mir leid, die Birne ist wohl futsch."

"So was Blödes." Kruggeline stieß frustriert die Luft aus. "Diese Dinger muss man immer erst langwierig bestellen. Nun bin ich mit meinem Latein am Ende."

"Jemand müsste eine Geschichte erzählen", mischte eine Mutter sich ein, die zusammen mit ihrer kleinen Tochter auf dem Boden saß. "Eine Märchenerzählerin wäre toll. So eine, die noch richtig altmodisch ein spannendes Märchen vortragen kann."

"Ja, das wäre jetzt unsere Rettung", stimmte Kruggeline ihr zu. "Bloß, wo kriegen wir auf die Schnelle eine her? Die lässt sich ja leider nicht aus dem Hut zaubern."

"Kruggeline! Kruggeline!", rief Tilli von der Tür aus. "Kommst du mal?"

Neben Tilli stand eine Frau mit weißen Haaren, die sich in wilden Locken auf ihrem Kopf türmten. Sie sah auch sonst recht sonderbar aus, denn sie trug ein langes rosa Rüschenkleid. Es hatte Puffärmel und einen bauschigen Rock. In ihrer riesigen Handtasche hätte sie bequem einen Pudel spazieren tragen können.

"Diese … diese Dame hat angeboten, als Märchenerzählerin auszuhelfen", sagte Tilli und zuckte die Achseln.

"Eine Märchenerzählerin? Na, wenn das kein Wunder ist, dann weiß ich auch nicht. Kommen Sie, kommen Sie!" Kruggline zog die Frau mit sich. "Ruhe, Kinder", forderte sie dabei, obwohl die meisten den Mund hielten und ihre Begleiterin anstarrten, als wäre sie ein Weltwunder.

"Setzt euch", rief Kruggeline. "Das ist …" Sie sah die Frau auffordernd an.

"Ich bin Silviane Märchenfee", stellte sie sich vor.

Es gab Gekicher und Kruggeline hob beschwichtigend die Hände. "Also, Kinder." Sie musste ihre Stimme über das Getuschel erheben. "Diese Dame ist extra aus dem … Märchenland gekommen, um uns einen schönen Nachmittag zu bereiten. Bitte, Frau … Märchenfee."

"Heiße Braut", kam es von hinten und alle lachten.

"Sieht eher aus wie 'ne Torte auf Beinen direkt aus Heinsens Café", flüsterte jemand absichtlich laut.

"Ich, die Märchenfee, bin hergekommen, um euch ins Reich der Fantasie zu entführen", lenkte die Frau die Aufmerksamkeit auf sich. Sie zog etwas aus ihrer Handtasche und wedelte damit herum. Es sah aus wie ein altmodischer Handspiegel mit Griff. "Das, was wie ein einfacher Spiegel aussieht, stellt das Tor in die magische Welt voller aufregender Geschichten dar." Die Märchenerzählerin legte einen Finger an ihre Lippen, bis Ruhe herrschte, dann sagte sie beschwörend: "Spieglein, Spieglein in der Hand …"

Es sah aus, als käme ein goldener Schimmer tief aus der Spiegelfläche.

"… führe uns ins Märchenland."

Ein Lichtblitz zuckte auf und alle schnappten nach Luft und rissen die Augen auf.

"Ah! Ich sehe … ein Märchen!"

Augenblicklich erklang Gemurre. "Wie aufregend", maulte ein Junge. "Natürlich löst der Tölpel am Schluss die Aufgabe und bekommt das halbe Königreich. Weiß doch jeder."

Ein paar der älteren Kinder standen auf und verließen den Raum.

Hastig begann die Märchenerzählerin: "Es war einmal eine Frau, Rubinella war ihr Name. Sie war … die Stiefschwester der Königin, wollte aber unbedingt selbst auf den Thron und sogar Kaiserin werden, um über alles und jeden zu herrschen."

"Das ist doch was für Babys", beschwerte sich ein Junge, der höchstens sechs sein konnte, und andere stimmten ihm zu.

Joleen fand den Anfang auch nicht überwältigend und hätte lieber den Film gesehen.

"Und sie war böse", rief die Geschichtenerzählerin, um das Gemurre zu übertönen. "Und raffgierig!"

Einer der älteren Jungen, der an der Tür stand, setzte sich wieder.

"Während einer Reise durch ihr Land geriet die gute Königin in einen Hinterhalt. Eine Brücke, die über eine Schlucht führte, war angesägt und Königin und Gefolge stürzten in die Tiefe und wurden nicht mehr gesehen. Rubinella beanspruchte sofort den Thron für sich. Niemand wagte es, sich ihr entgegenzustellen, denn sie hatte … einen verschlagenen Berater. Sie feierte rauschende Feste, plünderte die Schatzkammer des Schlosses und lebte in Saus und Braus, bis …"

Sie setzte neu an und es klang, als würde sie etwas einfügen, das sie nicht vergessen durfte: "Natürlich gab es an ihrem Hof auch Gelehrte und die entdeckten eines Tages eine verstaubte Schriftrolle. Der Text darauf offenbarte, dass Rubinellas Stiefschwester ein Kind hatte, das nicht mit in die Schlucht gestürzt war. Dieses Kind würde kommen, um ihr den Thron wegzunehmen, indem es an ihrer Stelle die …"

Wieder schien sich erst etwas ausdenken zu müssen.

"… die Lebensuhr aufzog, die für die Jahreszeiten verantwortlich war."

Genervtes Stöhnen erklang. "Ist doch langweilig", maulte jemand so laut, dass es alle hörten.

Die Geschichte haute niemanden vom Hocker. Einige der Jungen und auch ein paar Mädchen standen auf.

"Das Kind der guten Königin musste also dringend gefunden werden", rief die Märchenerzählerin. "Als die Gelehrten den Text des Manuskripts entziffert hatten, lasen sie, dass es … dass es …" Sie schaute sich hektisch um und ihr Blick fiel auf Rob. "Es ging darin um ein Kind mit dunklen, fast schwarzen Haaren und ebenso dunklen Augen."

Es war klar, dass sie ihn beschrieb. Einige Mädchen kicherten und Rob wurde rot, tat aber so, als wäre nichts.

"Niemand kannte den Namen dieses Kindes …"

"Er heißt Rob", rief jemand und hatte die Lacher auf seiner Seite.

"… doch es war dazu ausersehen, die Kaiserin von ihrem Thron zu stoßen."

Die Märchenerzählerin sprach lauter und lauter, denn immer mehr Zuhörer standen auf, rumorten herum und verließen den Raum. Es gab einen Tumult an der Tür, und zwei Mädchen stürmten herein und verkündeten: "Wir haben einen anderen Beamer!"

Alle bis auf die Erwachsenen brachen in Jubelschreie aus.

"Leute", rief Kruggeline. "Jetzt wartet doch erst mal." Sie konnte sich nicht durchsetzen.

"Sollte im dreizehnten Jahr nicht der wahre Thronfolger die Lebensuhr aufziehen, würde … würde ewige Finsternis über das Land kommen", unternahm die Märchenerzählerin einen Versuch, ihre Geschichte zu Ende zu bringen.

"Wenn es zu lange dauert, schaffen wir den Film nicht zu Ende", sagte eins der Mädchen.

"Und … und das arme Kind, das ganz ohne Eltern aufwachsen musste … das Kind ihrer Stiefschwester …"

Die Frau brach ab. Niemand hörte ihr mehr zu. Es war ein einziges Gewusel. Jemand riss sogar schon die Vorhänge zu. Die Erzählerin hatte genug. Sie stieß ihren Spiegel wie ein Schwert in die Luft und ein Donnerknall übertönte den Lärm. Alle schreckten zusammen und sahen sich verdattert an. Plötzlich war es mucksmäuschenstill. Die Frau sah in die Runde, als wüsste sie nicht, ob sie gehen oder bleiben sollte. Schließlich stopfte sie den Spiegel in ihre Tasche und marschierte auf die Tür zu.

Ein Mädchen stellte sich ihr in den Weg und schaute sie vorwurfsvoll an. "Wie geht es denn nun aus?"

Nach einem Moment der Überraschung sagte die Frau giftig: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute! Was glaubst du wohl, dummes Gör."

Sie schob das Mädchen zur Seite und marschierte weiter. Dabei übersah sie ein Kissen, hakte dahinter, strauchelte und streckte die Hände aus, um sich abzufangen. Ihre Tasche fiel hinunter und ein Teil des Inhalts schlidderte über den Boden. Hastig bückte sie sich, raffte alles zusammen und stopfte es zurück. Im nächsten Moment war sie draußen.

Joleen sah sich unauffällig zu Rob um. Er hob gerade etwas vom Fußboden auf. Sie hatte den Eindruck, einen schwachen Lichtschein zu sehen. Eine Sekunde starrte er den Gegenstand an, dann verließ er den Raum damit.

Kruggeline schaltete inzwischen den neuen Beamer an. Kaum fiel das erste Bild des Vorspanns auf die Leinwand, nahmen alle ihre Plätze ein und hörten auf zu reden. Nach einer Weile merkte Joleen, dass sich jemand neben sie auf die Fensterbank setzte. Es war Rob.

Obwohl die Geschichte über eine Piratentruppe witzig war, konnte sie sich nicht darauf konzentrieren. Immer wieder musste sie zu Rob sehen. Er saß da und starrte gebannt nach vorn. In seinem Haar hing eine kleine weiße Feder, offenbar aus einem der Kissen. Erschrocken registrierte sie, dass ihre Hand zuckte. Fast hätte sie hinübergegriffen und sie herausgezogen. Vorsichtshalber rückte sie etwas von ihm ab.

Als der Abspann lief, zog Rob die Vorhänge auf und Joleen begann trotz des Gewusels mit dem Aufräumen.

"Leg die Dinger da in die Ecke." Kruggeline trat eins der Kissen zur Seite. "Die bringen wir morgen zu mir. Jetzt brauche ich erst mal Erholung. Komm mit, Joleen, du auch, Rob, ich spendiere euch eine Bratwurst."

"Danke, das ist nett", sagte Rob. "Ich muss aber nach Hause, sonst kriege ich Ärger."

Joleen traute sich nicht, ihn anzusehen und räumte geschäftig herum, bis er gegangen war.

Es war spät geworden, stellte sie fest, als sie nach draußen kam. Auf dem Dorfplatz, hinter dem Gemeindehaus, hatten sich viele Dorfbewohner eingefunden. Es regnete auch nicht mehr, nur in den Blättern glitzerten noch Wassertropfen und blitzen mit den elektrischen Lämpchen der Lichterketten um die Wette. Kinder tobten umher, Erwachsene unterhielten sich. Das ganze Dorf schien auf den Beinen zu sein.

Joleen schlenderte zwischen den Würstchenbuden und Bierständen herum, doch sie langweilte sich. Tilli entdeckte sie schließlich und winkte sie zu sich und Joleen ließ sich zu einer Bratwurst mit Pommes einladen. Während sie aß, musste sie sich die lahmen Witze des Bürgermeisters anhören und zwang sich mühsam ein Lachen ab. Sobald sich die Gelegenheit bot, verabschiedete sie sich und ging nach Hause.

Die Straßen waren leer und die Fenster dunkel, nur bei den Santacks brannte Licht. Joleen hatte den Richter und seine Frau gerade eben noch auf dem Dorfplatz gesehen, Rob war also allein. Sie huschte an ihrem Carport vorbei zur Hintertür, schloss sorgfältig hinter sich ab und tastete sich im Dunkeln hoch ins Obergeschoss. Sie fand es zwar etwas unheimlich, doch die Chance, einen Blick auf Rob werfen zu können, wollte sie sich nicht verderben, indem sie eine Lampe anmachte und ihm zeigte, dass sie zu Hause war. In ihrem Zimmer stellte sie sich im Dunkeln seitlich neben das Fenster und linste vorsichtig hinüber.

Rob hatte die Vorhänge nicht zugezogen und sie sah ein Regal voller Bücher. Der Teil der Seitenwand, der sich einsehen ließ, war kahl. Kein Poster, keine Bilder. Nach einer Weile tauchte Rob auf. Er ging hin und her. Was genau er so geschäftig machte, erkannte sie nicht, plötzlich ging drüben das Licht aus. Erschrocken zuckte Joleen zurück, sagte sich dann aber, dass er sie unmöglich gesehen haben konnte.

Sie wollte gerade die Vorhänge zuziehen, damit Rob nicht womöglich sie beobachtete, sobald sie Licht anmachte, da öffnete er das Fenster in seinem Zimmer. Sie sah, wie er sich hinauslehnte und die leere Straße hinauf und hinunter schaute und dann die Fensterflügel wieder zuzog. Joleen hatte den starken Verdacht, dass noch etwas geschehen würde und tatsächlich musste sie nicht lange warten.

Wäre sie nicht so aufmerksam gewesen, wäre ihr der schmale Schatten vermutlich entgangen, der sich im Schein der Straßenlaterne bewegte. Rob erschien im Lichtkegel und lief gebückt bis zur Gartenpforte. Einen Moment blieb er dort hocken und huschte dann über die Straße direkt auf ihr Haus zu.

Joleen lauschte auf ein Klopfen oder Klingeln an der Tür, doch es passierte nichts. Schnell schlich sie hinüber in das Zimmer, das nach hinten hinausging, und spähte vom Fenster aus angestrengt in den dunklen Garten. Gleichzeitig achtete sie auf jedes Geräusch von unten. War es möglich, dass Rob einen Schlüssel hatte und sich heimlich hereinschlich?

Endlich bemerkte sie eine Bewegung beim Schuppen. Sie sah, wie die letzte Tür aufgezogen und wieder geschlossen wurde. Einen Moment später meinte sie einen schwachen Lichtstreifen zu erkennen, wo die Tür auf den Trittstein stoßen musste. Sie hätte nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen war, als der helle Streifen dicht über dem Boden verschwand und die Tür aufging. Rob lief geduckt den Weg zum Carport entlang und verließ den Garten.

Joleen überlegte nicht lange und hastete nach unten. Aus einer Schublade in der Küche holte sie eine Taschenlampe. Ohne sie einzuschalten, ging sie mit klopfendem Herzen nach draußen und auf die letzte Schuppentür zu. Das Scharren, das sie verursachte, als sie die Tür aufzog, klang in ihren Ohren laut wie Sirenengeheul, und sie erschrak fast zu Tode. Sie schaltete die Lampe ein und leuchtete in den kleinen Raum. Trotz des nervösen Kribbelns in ihrem Magen trat sie ein und zog die Tür hinter sich zu.

An den Wänden klebten Fußballposter, links neben der Tür stand ein zerkratzter Tisch, unter den ein Küchenstuhl mit einem rot gepunkteten Sitzkissen geschoben war. Auf der Tischplatte lagen ordentlich Werkzeuge aufgereiht. Gegenüber der Tür befand sich ein alter Küchenschrank ohne Türen. Auf einem Bord darin drängten sich Einmachgläser voller Schrauben, Nägel und kleiner Metallteile, außerdem ein Schuhkarton mit irgendwelchen Ersatzteilen. Joleen sah sich den Inhalt an, offenbar handelte es sich um Fahrradflickzeug. Auf dem oberen Brett standen einige geschnitzte Holzfiguren. Sie ähnelten Elefanten und Kamelen. So genau erkannte sie das nicht. Unten im Schrank entdeckte sie eine alte angerostete Metallkiste. Sie legte die Taschenlampe ab, hockte sich hin und zog die Kiste heraus. Sie war schwer und mit einem Schnappverschluss gesichert. Kurz dachte Joleen daran, sie zurückzustellen und wieder ins Haus zu gehen. Das war nicht richtig, was sie hier tat, denn diese Dinge gehörten Rob. Das hätte nicht deutlicher sein können, wenn sein Name draufstünde. Schon beim Anblick der Fußballposter war ihr das klar gewesen. Sie würde auch nicht wollen, dass jemand in ihren Sachen herumwühlte.

Ausgerechnet in dem Moment gab der Bügel des Schlosses unter ihren Fingern nach und schnappte auf. Joleen zögerte, doch dann zog sie den Deckel auf und starrte in die Kiste. Sie hatte Robs Schatzruhe entdeckt.

Mit beiden Händen griff sie hinein und hob Fußballwimpel, eine große Muschel, ein Taschenmesser, ein Autoquartett und ein altes abgegriffenes Foto heraus, auf dem ein Mann auf einem Motorrad abgebildet war. Lauter Krimskrams, der Rob offenbar etwas bedeutete, sonst hätte er ihn nicht aufgehoben.

Langsam setzte ihr schlechtes Gewissen sich durch. Es war falsch, was sie tat. Sie wollte gerade alles wieder einsammeln, da wurde die Tür hinter ihr mit Schwung aufgerissen. Vor Schreck ließ sie die Taschenlampe fallen und fuhr herum. Sie starrte direkt in einen blendenden Lichtstrahl. Erschrocken schrie sie auf und riss die Hände hoch, um ihre Augen abzuschirmen. Dabei fiel die Kiste polternd zu Boden.

Nach einer Ewigkeit, wie es ihr vorkam, flammte die Deckenlampe auf und sie konnte endlich etwas sehen. In der Tür stand Rob und sah sie traurig an. Mit Wut hätte sie umgehen können, doch seine Enttäuschung traf sie tief.

"Es tut mir leid, ich wollte nicht …" Sie verstummte kläglich. Natürlich wollte sie schnüffeln, sonst hätte sie es ja nicht getan. "Tut mir leid", wiederholte sie lahm und begann einzusammeln, was über den Boden verstreut lag.

"Lass das", fuhr Rob sie an. Er kniete sich neben sie und riss ihr den Fußballwimpel aus der Hand, den sie aufgehoben hatte. "Das mach ich schon selber." Er raffte alles zusammen und stopfte es hastig in die Kiste.

Joleen angelte nach ihrer Taschenlampe, dabei kam ihr etwas in die Quere und sie hob es auf. Es war ein Handspiegel mit Griff. Sie strich mit den Fingerspitzen über das Metall. Es fühlte sich warm an und die Spiegelfläche schimmerte merkwürdig dunkel. Er war schwer für seine Größe und plötzlich erkannte sie ihn. "Ist das nicht der Spiegel von dieser Märchenerzählerin? Hast du den etwa auch …" Sie biss sich auf die Zunge, als ihr klar wurde, was sie fast gesagt hätte.

Rob brauchte einen Moment, bis er begriff, dann riss er ihn ihr aus der Hand. "Ich hab ihn nicht geklaut", verteidigte er sich empört. "Ihre Tasche ist runtergefallen, falls du dich erinnerst, und er ist unter ein Kissen gerutscht. Als ich ihn ihr zurückgeben wollte, war sie schon verschwunden. Ich bin sogar extra noch nach draußen gelaufen, um sie zu suchen."

Stimmt. Sie hatte gesehen, wie er etwas aufhob und aus dem Saal lief. "Tut mir leid", stammelte sie und hätte sich selbst ohrfeigen können. Langsam kam sie sich wie der letzte Trottel vor, weil sie ständig dabei war, sich zu entschuldigen.

"Und das Computerspiel hab ich auch nicht geklaut. Nur dass du's weißt."

Rob rieb mit einem Ärmel über die Spiegelfläche, um den Staub abzuwischen. Plötzlich grinste er und sah sie frech an.

"Außerdem ist das ja gar kein Spiegel, wie wir wissen", sagte er und stellte sich hin, als wollte er eine Rede halten. "Das ist das Tor in eine magische Welt voller aufregender Geschichten."

Er machte die Erzählerin so gekonnt nach, dass Joleen kichern musste. Schließlich streckte er den Arm in die Höhe und schwenkte den Spiegel hin und her. Mit übertrieben getragener Stimme flüsterte er: "Spieglein, Spieglein in der Hand …"

Er stockte und starrte auf die Spiegelfläche. Irgendetwas tat sich da. Joleen sprang auf. Das wollte sie auf keinen Fall verpassen. "Lass mal sehen." Sie fasste nach dem Spiegel, gleichzeitig sagte Rob: "Bring uns ins Märchenland."

Joleen griff zu und vor ihren Augen wurde es schwarz, als hätte plötzlich jemand das Licht ausgemacht.

7. Zarathustra

Zarathustra rappelte sich vom Fußboden auf und setzte sich stöhnend wieder auf seinen Schemel. Bis vor einem Moment hatte er noch gemeinsam mit der Fee in den magischen Spiegel gestarrt und das Reich der Menschlinge beobachtet. Er eher gelangweilt, sie mit einem Blick, als würde sie am liebsten alles in Stücke reißen, was sie darin sah.

"Die rufen mich nie", hatte sie herumtrompetet. "Nicht in drei Jahren und schon gar nicht in drei Tagen. Ich werde diesen Grumm erwürgen, ihn in eine Kakerlake verwandeln und ihn eigenfüßig zermatschen!"

Kaum hatte sie nach dieser Tirade den Mund zugemacht, da erklangen die magischen Worte aus dem Spiegel. Sie konnten es beide fast nicht glauben, denn sie kamen tatsächlich von einer Menschlingsfrau. Sie sagte: "Eine Märchenerzählerin wäre toll." Und: "So eine, die noch richtig altmodisch ein spannendes Märchen vortragen kann."

Zack, war die Fee weg, so schnell, dass der Luftzug ihn vom Schemel fegte.

Nun beobachtete er im großen Spiegel ihren Auftritt vor einer Horde Kinder, die es nicht für nötig hielten, still zu sitzen und zuzuhören.

"Bälger", grummelte er in sich hinein. "Keinen Respekt." Er musste ihnen allerdings zugestehen, dass die Geschichte der Fee so aufregend war wie das Staubwischen im Festsaal ihres Schlosses, der nie benutzt wurde. Eine Aufgabe, die er bisher immer umgehen konnte.

"… die Lebensuhr", hörte er die Fee im Spiegel sagen und schüttelte den Kopf. Unglaublich, was für wirres Zeug sie redete. Damit ließ sich nun wirklich niemand hinter dem Ofen hervorlocken und schon gar nicht diese Gören, die den Eindruck machten, als wüssten sie kaum noch, wie herum sie ein Märchenbuch halten mussten.

Im Reich der Menschlinge ging es immer turbulenter zu. Allmählich fiel es ihm schwer, den Überblick zu behalten. Schließlich gab es einen Knall und die Fee stand plötzlich neben ihm. Sie wirkte wie ein aufgescheuchtes Huhn, aufgeplustert und kopflos.

"Kein Wort", fauchte sie ihn an und pfefferte ihre Tasche hin. "In meinem Kopf dröhnt ein Schmiedehammer. Ich brauche absolute Ruhe." Sie sank in ihren Sessel und massierte sich die Schläfen.

Zarathustra zog sich leise zurück in die Küche. Ein Küchensklave war eine schöne Sache, das verschaffte ihm die Möglichkeit, sich endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er setzte sich auf die Ofenbank und sah zu, wie Albert sich einen Topf nach dem anderen vornahm. Der Zwerg scheuerte sie mit Sand und wienerte sie anschließend mit einem weichen Tuch blank, bis seine große Nase sich im Kupfer spiegelte. Als die Fee klingelte, hingen alle Kochgefäße blinkend an ihren Haken und Albert war dabei, das Silberbesteck zu polieren, als würde er einen Preis dafür bekommen.

Zarathustra hatte die Gunst der Stunde genutzt und ihn zwischendurch mehrmals frische Milch zubereiten lassen. Da die Fee sich nicht meldete, sie beide das gute Getränk aber nicht wegschütten mochten, blubberte es in ihrem Bauch inzwischen ordentlichen. Nun trug er die Lieblingskanne der Fee in den Salon und schenkte ihr heiße Honigmilch ein. Sie nahm einen großen Schluck und starrte ihm dabei über die Tasse hinweg in die Augen.

"Kein Kommentar", sagte sie.

Zarathustra zuckte die Achseln. "Hatte ich auch nicht vor. Interessanter Abgang übrigens." Er konnte es sich nicht verkneifen, ihr eins auszuwischen. "Was sollte eigentlich das merkwürdige Gefasel von diesem Kind der guten Königin? Das hab ja nicht mal ich verstanden."

"Weiß ich doch nicht. Es war mir gerade so eingefallen."

"Sehr professionell, wirklich."

"Ich hätte schon noch eine Erklärung gefunden, aber die Menschlinge haben mir ja keine Chance gegeben", verteidigte sie sich. "Ich hasse diesen Grumm. Und ich hasse Kinder."

"Fiese kleine Bälger. Hab ich ja immer gewusst." Zarathustra kicherte. "Allerdings muss man zu ihrer Verteidigung sagen, dass du dich nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert hast."

"Na und? Ich bin die Märchenfee. Ich kann erzählen, was ich will."

"Rubinella wird auf keinen Fall glücklich sein mit ihrer Geschichte. Ich wäre nicht überrascht, sollte gleich die nächste Vorladung hier eintreffen."

Irgendwo im Haus polterte es und beide zuckten zusammen und starrten auf den Auswurf für die Rohrpostnachrichten.

Als nichts passierte, atmete die Fee auf, streckte sich, wackelte mit den Zehen und sagte: "Eigentlich schade, dass ich so plötzlich abbrechen musste. Bestimmt wären mir noch ein paar wunderschöne Gemeinheiten für diese freche Person eingefallen."

"Immerhin haben wir ein neues Märchen im Reich der Fantasie." Zarathustra goss sich Milch ein. "Ich bin mal gespannt, wie es ausgehen wird."

Die Fee wollte gerade einen Schluck nehmen, doch nun stutze sie.

"Wie meinst du das, wie es ausgehen wird? So wie immer natürlich. Die Guten siegen und die Bösen werden bestraft."

"Ach ja? Gesagt hast du das aber nicht."

"Das konnte ich ja nicht, weil diese … diese Kinder mich nicht ließen. Egal, kein Problem, schließlich hab ich nicht …" Sie verstummte und starrte einen Augenblick in die Luft, dann setzte sie sich ruckartig hoch und sperrte vor Schreck den Mund weit auf. "Hab ich doch!"

"Hast du was?"

"Ich habe es gesagt. Ach du meine Güte. Ich habe es tatsächlich gesagt, ohne darüber nachzudenken, dass ich das Ende gar nicht erzählt hatte."

"Was denn, zum klobigen Findling?"

"Die magischen Worte."

"Ach, du meinst: Und wenn sie nicht gestorben sind …"

"… dann leben sie noch heute."

"Feuerstein und Funkenschlag." Zarathustra starrte die Fee an, als sähe er sie zum ersten Mal. "Das ist mir völlig entgangen." Er konnte ein Kichern nicht unterdrücken. "Ein neues Märchen im Reich der Fantasie, und nicht mal die Märchenfee weiß, wie es ausgeht. Ich glaube, das gab es bisher nicht."

"Und wenn schon." Die Fee winkte ab, sah aber nicht wirklich überzeugt aus. "Das geschieht dieser gierigen Möchtegernherrscherin recht. Soll sie doch sehen, wie sie damit klarkommt. Allen anderen wird es eine Warnung sein. Niemand fordert ungestraft die Märchenfee heraus."

In diesem Moment breitete sich vom magischen Spiegel an der Wand ein goldener Schimmer aus. Die Fee und Zarathustra starrten ihn verdutzt an. Auf der polierten Fläche aus Elfensilber glomm warmes Licht. Sie sahen schemenhafte Figuren, die sich bewegten. Langsam zeichneten sie sich deutlicher ab und die Fee schnappte nach Luft.

"Das ist dieser Junge", stieß sie aus. "Und er hat meinen Handspiegel!"

"Tss, tss", Zarathustra wiegte tadelnd seinen großen Kopf. "Wie du mit deinem Werkzeug umgehst, ich muss schon sagen …"

"Pscht", fuhr die Fee ihn an.

Nun sah man einen Jungen und ein Mädchen, die beide perplex auf den Handspiegel starrten.

"Dieser verflixte Bengel", schimpfte die Märchenfee. "Den ganzen Nachmittag sind mir die Gören auf die Nerven gegangen und jetzt auch noch das. Am liebsten würde ich ihn mir schnappen und ihn übers Knie legen."

Der Junge wedelte mit dem Spiegel herum, wobei er sein Gesicht zu einer eingebildeten Grimasse verzog.

"Spieglein, Spieglein in der Hand", sagte er übertrieben.

"Ich weiß nicht", meinte Zarathustra. "Ich finde, er trifft dich ziemlich gut."

"Oh nein! Nicht das auch noch." Die Fee sprang auf und hob die Hände.

"… bring uns ins Märchenland", vollendete der Junge den Satz.

Im selben Moment, in dem er die Beschwörungsformel aussprach, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.

Das Mädchen umklammerte sein Handgelenk, als wollte es ihm den Spiegel entreißen. Die Fee schnippte gebieterisch mit den Fingern, um ihr Handwerkszeug zurückzuholen, und Zarathustra fiel seiner Meisterin in den Arm, weil er sah, dass sie viel zu aufgebracht war, um präzise zu reagieren.

"Vorsicht", rief er, aber es war zu spät. Im magischen Spiegel sahen sie Blätter in sattem Grün vorbeirauschen, abknickende Farnwedel, Gras und dicke Moospolster. Der goldene Schimmer auf der Elfensilberfläche erlosch und sie wurde dunkel.

"Wo sind sie hin? Was hast du gemacht?", fuhr die Fee ihn an.

"Wieso ich? Gar nichts. Du hast doch …"

"Du hast dazwischengegrapscht!"

"Ja, weil du so in Schwung warst, dass uns nicht nur dein Handspiegel, sondern garantiert auch diese Bälger hier vor die Füße gepurzelt wären."

"Und wo sind sie jetzt?"

"Keine Ahnung."

Beide starrten sich einen Moment an.

"Jede Menge Blätter, jede Menge Farn, massenhaft Moos … in einem Wald?", fragte Zarathustra schließlich unsicher.

"Du denkst doch nicht, sie sind in dem Wald?"

"Bei deinem Glück …"