Von der Kunst des Kartenschreibens

Wer kennt es nicht, man fährt in den Urlaub und von allen Seiten kommt es "Schreibst du mir eine Karte?" "Kriegen wir dann Post aus Schweden?" "Ich sammle Postkarten, kannst du mir nicht eine schicken?" Und mein persönlicher Großeltern-Favorit: "Na dann werdet ihr uns ja wohl eine Karte schreiben!"

Von wegen Erholung, da geht der Stress erst richtig los. Welche Karte soll man wählen, eine kitschige Urlaubskarte, auf der dafür was vom Land zu sehen ist? Einfach nur Dünen und Meer oder doch die beiden niedlichen Katzenbabys, die in der Pfütze spielen und so gar nichts mit dem Urlaubsland zu tun haben. Wem kann man welche Karte schreiben ohne dass gleich eine Bedeutung reininterpretiert wird oder ein "Na da hättet ihr euch aber auch ein bisschen mehr Mühe bei der Auswahl geben können ..."

Hat man also eine halbe Stunde seiner kostbaren Urlaubszeit damit verbracht, für jeden auch ja die richtige Karte auszusuchen (Aber Vorsicht! Wer kennt wen und was wird womit verglichen!) kommt an der Kasse gleich der nächste Dämpfer der Urlaubsgefühle. "Inklusive Briefmarken macht das dann 285 Kronen bitte." Äh, wie bitte?! Ok, Kronen, aber... Das sind ja immer noch fast 30 Euro. 60 Mark... Für Postkarten! Aber na gut, was tut man nicht alles für die lieben Daheimgebliebenen.

Ist man nun also um etliche Karten reicher und um ein  reichhaltiges Essen in einem guten Steakhouse ärmer steht noch immer das größte Problem bevor. Die Karten schreiben sich schließlich nicht von selbst. Wie wäre es mit dem Standardtext: "Liebe xy, viele Grüße aus Schweden. Das Wetter ist wirklich toll. Die Leute sind nett und das Essen ist lecker..." Damit lockt man keinen noch so neugierigen Hund hinter dem Ofen hervor.
Aber was interessiert auf einer Postkarte? Wollen die Leute tatsächlich wissen, wie es einem geht? Interessiert es sie wirklich was man sich im Urlaubsland alles angesehen hat? Oder geht es nicht einfach nur ums Prinzip und eine leere Karte, vielleicht maximal mit "Lieben Gruß aus Schweden" (völlig überflüssiger Weise schreibt man schließlich jedes Mal noch auf die Karte rauf, aus welchem Land man schreibt. Als wüssten die Leute, denen man schreibt nicht eh, wo man ist und vor Allem prangt ja meist das Land, die Region und auch gerne noch die Stadt in großen Lettern vorne auf der Karte und zerstört das ganze Motiv.) Wer ernsthaft daran interessiert ist, was ich im Urlaub erlebe, der kann gerne mal zu mir nach Hause kommen und sich zwei Stunden die (nicht vorhandenen) Dias meines Urlaubs angucken und mir dann noch einmal erzählen wie interessant er es findet, welchen verschlungenen Baum ich wo gesehen habe und welcher verrückt aussehende Stein in welcher Straße lag oder worin sich der sechste See von den ersten fünf unterschieden hat, obwohl auf den Bildern doch alle irgendwie gleich aussehen.

Aber zurück zum Kartentext. Eine zweite Variante wäre die reine und ungeschönte Wahrheit: "Liebe xy, Schweden ist zwar großartig und die Natur traumhaft schön, allerdings zähle ich mittlerweile weit mehr als 20 Mückenstiche (am anderen Bein sind es sogar noch mehr) und da wir nie auf Campingplätzen schlafen sondern immer in der freien Natur muss ich in den Wald scheißen. Ich hoffe es lässt sich nicht irgendwann eine Zecke auf meinen blanken Hintern fallen. Ach ja, ansonsten ist es hier schweineteuer, für unser einziges Frühstück in einem Café (bestehend aus zwei Kaffee und zwei Sandwiches) haben wir über 20 Euro bezahlt." Vielleicht kann man damit wenigstens ein bisschen Genugtuung wecken bei denjenigen, die sich täglich bei der Arbeit ärgern, weil andere Urlaub haben und sie selbst nicht.

Zusammengefasst würde ich sagen, wie man es macht, macht man es falsch und vielleicht ist noch die beste Variante, sich den ganzen Stress zu ersparen und sich hinterher einfach 15 Mal das Gemaule anzuhören, dass man ja ruhig mal eine Karte hätte schreiben können. Denn gemault wird sowieso, das steht fest. Sonst wären wir doch irgendwie keine echten Deutschen.

In diesem Sinne, liebe Grüße aus Schweden!

P.S. Das Wetter ist schön und das Essen schmeckt fantastisch. Gestern habe ich einen Keks gegessen...

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