"Feuerstein und Funkenschlag, das bedeutet ja, du musst schon wieder gegen die Gesetze verstoßen und die Menschlingskinder zurück ins Reich der Fantasie holen!" Zarathustra, der freche Zwergendiener der Märchenfee, kann es nicht fassen.

"Ja, unglaublich!“ Seine Meisterin, die eigentlich nur ein bequemes Leben haben will, funkelt ihn böse an. „Aber eins sage ich dir. Das wird diese Tiriane Unglücksfee bereuen! Nur weil sie meint, dass ihr mein Posten zusteht, hat sie noch lange nicht das Recht, ihn mir mit gemeiner Hinterlist, Lug und Betrug abzujagen."

Sobald Joleen und Rob zurück im Reich der Fantasie sind, stecken sie im nächsten Abenteuer. Sie müssen sich gegen die beiden rivalisierenden Feen behaupten, ein Königreich vor dem Untergang retten und sich nebenbei auch noch um ihre eigenen Probleme kümmern. Als ob das nicht Herausforderung genug wäre, mischt Zarathustra, der Zwerg, der kein Zwerg sein möchte, auch diesmal kräftig mit. Wie üblich frech, vorlaut und egoistisch. Obwohl er es in Wahrheit genießt, zur Abwechslung mal wieder ein Abenteuer zu erleben, statt nur faul auf der Ofenbank zu liegen, würde er das selbstverständlich niemals zugeben, zum klobigen Findling noch mal!

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 XXL-Leseprobe von „Ein Prinz muss her“ von Ricka Rasmussen

 

Zarathustra

1

Die Glocke neben der Tür bimmelte, doch Zarathustra achtete nicht weiter darauf, sondern drehte sich auf der Ofenbank um und ruckelte sich bequem zurecht. Gerade war er wieder dabei einzudö­sen, da ertönte das Gebimmel erneut. Er stutzte, schlug die Augen auf und zuckte zurück.

Albert stand vor ihm, hatte die Glupschaugen aufgerissen und starrte ihn an.

„Sie klingelt“, sagte der Küchenzwerg.

Zarathustra schnaubte. „Bin ja nicht taub. Dann bring ihr doch endlich ihre Honigmilch.“

„Die hat sie schon.“

Albert sah sich ängstlich um, als befürchte er, die Märchenfee könnte jeden Moment zur Tür hereingestürmt kommen. Zarathus­tra verdrehte die Augen. „Wie oft soll ich es dir noch sagen? Sie kommt nicht hierher! Sie war mindestens dreihundert Jahre nicht mehr hier und wird auch die nächsten dreihundert Jahre keinen Fuß in diese Küche setzen.“

Wieder klingelte es, diesmal laut scheppernd und hektisch. Zarathustra seufzte, schwang die Beine von der Ofenbank, stieß Albert beiseite und stapfte hinüber in den Salon. Einerseits war es ihm ganz recht, dass der Küchenzwerg so großen Respekt vor der Märchenfee hatte und sich möglichst von ihr fernhielt, andererseits war das manchmal, so wie jetzt, ziemlich unbequem.

Ihm machte die Fee mit ihrem barschen Ton nichts vor, dafür kannte er sie zu gut. Vor allem kannte er ihre Schwächen und ihre kleinen Geheimnisse. Und davon gab es mehr, als ihm und der Fee lieb waren.

Silviane Märchenfee saß in ihrem Lieblingssessel, als er in den Salon kam, und riss an der Kordel. Die hing an einem Drahtseil, das an der Decke entlang bis zur Glocke in der Küche führte. Das ungeduldige Gebimmel hallte blechern durchs Schloss. Zarathustra schmiss die Tür hinter sich zu, um den Lärm auszusperren.

„Wozu habe ich Zwerge in meinen Diensten, wenn keiner kommt, wenn ich einen brauche?“, empfing die Fee ihn und hielt ihm das Tablett mit ihrer Tasse und einem leeren Teller hin, das bis eben auf ihrem Bauch gestanden hatte.

„He, he! Nur weil du Langeweile hast, musst du nicht gleich beleidigend werden, ja? Ich bin kein Zwerg, ich war kein Zwerg und ich werde auch nie ein Zwerg sein.“

„Hmpf“, machte die Fee. „Nimm das mit und sag Albert, die Vanillehörnchen waren zu süß und die Nugatplätzchen könnten etwas mehr Nugat vertragen.“

„Und die Milch war wahrscheinlich zu fett und zu kalt und nicht flüssig genug, oder wie? Warum häkelst du nicht eine deiner … wunderbaren Decken oder suchst dir ein anderes Hobby, mit dem du die Zeit totschlagen kannst, statt schwer arbeitende Leute zu tyrannisieren?“

„Du und schwer arbeiten, dass ich nicht lache! Eher bitten diese Menschlinge mich um eine Geschichte, als dass du arbeitest.“ Die Fee schnaubte undamenhaft.

„Wir wissen ja beide, was beim letzten Mal dabei herausge­kommen ist, als du versucht hast, im Reich der Menschlinge eine Geschichte zu erzählen. Du solltest mir also dankbar sein, dass ich sie nicht durch irgendwelche Aktivitäten meinerseits womöglich noch aufschrecke. Nicht auszudenken, was du diesmal verzapfen könntest, falls sie dich tatsächlich bitten würden.“

Er verdrehte die Augen, nahm das Tablett und schlurfte damit los. „Tss“, brummelte er vor sich hin. „Da opfert man sich und unterdrückt krampfhaft jeden Arbeitsimpuls und was hat man davon? Nichts als Ärger und Undankbarkeit.“

„Zarathustra Zilp!“, keifte die Fee ihm nach. „Ich kann dich sehr deutlich hören. Noch so eine Frechheit und ich werde dich in den Stall …“

Zarathustra hatte schon die Tür erreicht, schlüpfte hindurch und warf sie hinter sich zu.

Als er in die Küche kam, polierte Albert mit einem Lappen an einem Messingtopf herum, obwohl der bereits so blank war, dass die Knollennase des Küchenzwergs sich darin spiegelte. Nun sah er ängstlich auf.

„War sie zufrieden? Hat sie irgendwas über mich gesagt?“

Zarathustra hielt ihm das Tablett hin und deutete mit einem Kopfnicken auf den leeren Teller. „Sieht das aus, als hätten deine Kekse ihr nicht geschmeckt?“

„Nein, aber …“

„Na also“, unterbrach er den Zwerg. „Sie hat nur schlechte Laune, das ist alles. Kein Grund für uns, in ungesunde Hektik zu verfallen.“

Er rollte sich auf der Ofenbank zusammen und schloss die Augen, um sein Nickerchen fortzusetzen. Zumindest versuchte er es, doch Albert begann herumzukramen, klapperte mit Schranktü­ren, raschelte mit Papier und brabbelte dabei ununterbrochen vor sich hin.

Schließlich wurde es Zarathustra zu bunt und er setzte sich auf.

Albert stand auf der Bank vor dem Tisch und löffelte etwas in eine Schüssel, von dem Zarathustra annahm, es handelte sich um Zucker.

„Was, bei der großen Mutter der Felsbrocken und Erzadern, soll das werden?“, fragte er, hievte sich auf und stieg ebenfalls auf die Bank. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Inzwischen war er putzmunter.

Alberts Augen begannen zu strahlen. „Früchtebrot.“

Zarathustra schaute zu, wie der Küchenzwerg rührte, Milch dazugoss und Mehl nachschüttete. Nach einer Weile steckte er einen Finger in den Teig, zog ihn mit einem dicken Klumpen der zähen Masse heraus und leckte ihn ab. „Hm. Bisschen fade, meinst du nicht?“

„Kommt ja noch, kommt ja noch.“

Albert hüpfte auf den Boden, trug nacheinander drei Stein­töpfe heran, kletterte umständlich wieder auf die Bank und hob die Töpfe einen nach dem anderen auf den Tisch. Er nahm die Tücher ab, mit denen sie zugebunden waren, fasste in den ersten Topf, holte eine Handvoll bräunliche, klebrige Stückchen heraus und warf sie in die Teigschüssel.

Zarathustra schnupperte. „Orangeat?“

Albert nickte und griff in den nächsten Steintopf. „Zitronat“, erklärte er und die gleiche Menge grünlich gelber Brocken folgte.

Als der Küchenzwerg in den Rosinentopf greifen wollte, hielt Zarathustra seine Hand fest. „So macht man das nicht“, sagte er. „Ist doch langweilig.“

Er nahm einen der Löffel, die auf dem Tisch lagen, und drehte ihn so hin, dass der Löffelstiel auf seinen Bauch zeigte. Dann suchte er eine besonders dicke Rosine heraus.

Er platzierte sie auf dem Stielende, tippte auf die gebogene Löffelfläche, die man sich gewöhnlich in den Mund schiebt, und die Rosine segelte durch die Luft und landete rechts neben der Teigschüssel. Zarathustra hatte schon die nächste auf den Löffelstiel gelegt und schoss sie ab. Innerhalb kürzester Zeit war der Tisch mit Rosinen übersät.

Albert stand daneben und verzog unglücklich das Gesicht, wagte aber nicht einzugreifen. Ab und zu, wenn eine der schrum­peligen Kugeln in seine Richtung flog, hob er sie auf und warf sie in die Schüssel.

„Los, probier's auch mal! Das macht Spaß.“ Zarathustra schob ihm den Löffel hin und wartete.

Albert zögerte, nahm aber schließlich eine der Rosinen vom Tisch und legte sie auf den Löffelstiel. Dann näherte er seinen Zeigefinger so langsam und vorsichtig der anderen Seite, als könnte das Esswerkzeug im nächsten Moment zuschnappen und ihm den Finger abbeißen.

Gerade, als er zittrig drauftippen wollte, schepperte die Glocke los. Der Küchenzwerg schrie auf, zog die Hand zurück und versteckte sie hinter seinem Rücken.

Zarathustra gackerte los wie ein Huhn, das soeben ein Ei gelegt hatte, und hielt sich vor Lachen den Bauch. Da das Gebim­mel nicht nachließ, sprang er von der Bank und ging hinüber in den Salon der Fee. Er gluckste noch vor sich hin, als er bei ihr ankam.

„Freut mich, dass ihr solchen Spaß in der Küche habt“, sagte Silviane, klang aber, als meinte sie das Gegenteil. Sie stand mit verschränkten Armen da und deutete mit einem Kopfnicken auf das Tischchen neben ihrem Sessel. Dort lag ein dickes, schneewei­ßes Blatt Papier.

Obwohl die Fee es inzwischen mehrmals gelesen hatte, wie er genau wusste, rollte es sich noch immer leicht zusammen, denn es war in einem Metallzylinder mit der Rohrpost zu ihnen geschickt worden. Es handelte sich um eine mit goldener Tinte verfasste Einladung an die Märchenfee.

Darin stand, dass sie beim jährlich stattfindenden Sommerfest am Tisch der Feenkönigin sitzen durfte.

Für sie war das der Glanzpunkt der Saison, für ihn reine Folter.

Und nun war der verhasste Tag gekommen.

„Es wird Zeit. Steig rauf.“

Die Fee zog einen Hocker unter dem Tischchen hervor. Allein, dass sie es selbst tat, zeigte, wie wichtig ihr das war, was nun folgen würde.

Es war jedes Jahr dasselbe. Zarathustra seufzte. „Aber eins sage ich dir gleich. Keine Rüschen und keine Lackschuhe.“ Wie er das verabscheute! Er stapfte zum Hocker und stellte sich darauf. „Wir haben eine Abmachung“, sagte er. „Keine Rü…“

Ein Ruck ging durch seinen Körper, denn die Fee hatte ihm mit einem Fingerschnipp ein Festtagsgewand verpasst. Natürlich war es voller Rüschen und Spitze und alberner Troddeln. Er warf einen Blick in die spiegelnde Glastür der Vitrine, in der die Handzauberspiegel aufbewahrt wurden, und wäre fast geplatzt vor Ärger. Er sah aus wie mit Zuckerguss garniert, als würde er auf einen Kuchenteller gehören.

Die Märchenfee legte den Kopf schräg und betrachtete ihn von oben bis unten, dann schnippte sie wieder mit den Fingern der rechten Hand und Zarathustra stand in einem Traum in Lavendel da.

Jedenfalls wäre es ein Traum, wenn er ein kleines Mädchen wäre und nicht der etwas zu kurz geratene Diener einer Fee.

Beinah wäre er vor Schreck vom Hocker gefallen, denn er trug einen Rock und im Haar eine Schleife. Seine knubbeligen Füße steckten in rosa Stoffschuhen.

Strümpfe, Rock, Bluse und Hut bildeten einen zartlila schillernden Albtraum.

Die Fee seufzte. „Zu ärgerlich, dass du kein Zwergen­mädchen bist. Es gibt so schöne Kleider.“

„ICH! BIN! KEIN! ZWERG! Wie oft soll ich dir das eigentlich noch sagen. Kein ZWERG. Nur nicht ganz so groß, zum klobigen Findling noch mal!“ Er stampfte mit dem Fuß auf. „Keine zehn Pferde kriegen mich auf dieses Fest. Und so schon gar nicht!“ Er sprang vom Hocker und wäre beinahe auf die Nase gefallen, weil er sich ohne seine Stiefel unsicher auf den Beinen fühlte. „Mach das weg!“, befahl er und zerrte am Rock.

Die Fee schnippte und er trug seine übliche Kleidung, einen braunen Kittel und eine moosgrüne Hose, dazu seine perfekt eingelaufenen Stiefel aus Greifenleder.

Zarathustra atmete auf. „Wieso muss ich überhaupt mit? Du brauchst mich da gar nicht. Du sitzt doch sowieso nur rum, trinkst Lindenblütentee, spachtelst Ambrosiatörtchen und schleimst dich mit unechten Komplimenten bei der Feenkönigin ein.“

Es graute ihm vor diesem Fest, bei dem alle Feen aus dem Reich der Fantasie aufmarschierten. Aus irgendeinem Grund meinten sie, eine wie die andere, sich wichtig machen zu müssen mit ihren Dienstboten, ihren Kleidern, ihrem Schmuck.

Seine Meisterin Silviane Märchenfee war da leider keine Ausnahme. Sie betrachtete das alles als ein großes Vergnügen, doch für Diener wie ihn, die etwas zu kurz geraten waren, sah die Sache anders aus.

Einmal hatte sich sogar ein Troll auf ihn gesetzt. Die Diener der anderen Feen fanden das ausgesprochen witzig und lachten sich halb tot darüber. Alles dummes Pack, das sich auf seine Kosten amüsierte.

Außerdem machten sie sich einen Spaß daraus, ihn einen Zwerg zu nennen. Dabei konnte jeder sehen, dass er viel größer war, mindestens ein paar Zentimeter! Und so hässlich wie Albert war er schon lange nicht. Zarathustra verstand einfach nicht, wieso das niemand begreifen wollte.

„In diesen Lumpen nehme ich dich jedenfalls garantiert nicht mit.“ Die Fee zog an der Klingelschnur.

„Na wie schön! Wird auch Zeit, dass du mal was alleine unternimmst.“ Zarathustra wischte sich einige Staubflusen von seinem Wams.

Ein ganzer Tag ohne die Märchenfee im Schloss würde himmlisch werden. Er musste schon mal anfangen, darüber nach­zudenken, was er sich von Albert zum Mittagessen wünschen sollte. Und er musste dafür sorgen, dass der Küchenzwerg einen großen Vorrat Schokosahnetörtchen und heiße Honigmilch zube­reitete, seine Lieblingsspeisen.

Vielleicht könnten er und der Küchenzwerg ein paar Rüben zurechtschnitzen, sie im langen Flur vor dem Salon aufstellen und mit einem Kohlkopf Kegeln spielen. Möglichkeiten über Möglich­keiten! Vor seinem geistigen Auge sah er bereits, wie die Rüben durcheinanderkullerten, und kicherte in sich hinein.

„Steig auf den Hocker, Albert“, hörte er die Fee sagen und schreckte aus seinen Überlegungen.

Er hatte gar nicht mitbekommen, dass der Küchenzwerg aufgetaucht war. Kaum stand Albert auf dem Schemel, schnippte die Fee ihm das Kostüm an, das er selbst noch vor wenigen Minuten getragen hatte.

„Was soll das denn?“ Zarathustra starrte Albert an, der in dem Albtraum aus Rüschen und Tüll dastand, dem er mit Mühe und Not entronnen war. Im Gegensatz zu ihm, schien der Küchenzwerg das jedoch zu genießen.

„Wonach sieht es aus?“, fragte die Fee spitz.

„Karneval?“ Zarathustra bemühte sich um einen verächtlichen Ton, doch der wollte ihm nicht recht gelingen, denn diese Sache mit Albert konnte nichts Gutes bedeuten. Das sah ganz übel für ihn aus.

Die Fee schnippte noch einmal und am Hut des Zwergs steckte eine flauschig-fusslige Straußenfeder. Mit dem nächsten Schnipp verpasste sie Albert glänzende Lackschuhe einschließlich riesiger Silberschnallen.

Der Küchenzwerg riss im ersten Moment erschrocken die Augen auf, dann breitete sich ein Strahlen auf seinem knollen­nasigen Gesicht aus, als ginge die Sonne auf.

„Einfach perfekt“, kommentierte die Fee ihr Werk und lächelte zufrieden. „Gib mir deine Hand, Albert.“

Für einen Augenblick blieb Zarathustra die Luft weg, dann sprang er dazwischen. „Was? Was? Was! Soll das heißen, du willst ihn an meiner Stelle mitnehmen?“

„Du hast doch wohl nicht gedacht, ich gehe ohne Diener auf die wichtigste Veranstaltung des Jahres?“

„Aber … aber …“ Die Gedanken rasten durch seinen Kopf. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

Albert gehörte in die Küche zu Topflappen und Rührlöffel und nicht an die Seite der Fee. Schon gar nicht in der Öffentlichkeit und auf keinen Fall beim Sommerfest der Feenkö­nigin. Die anderen Feendiener würden annehmen, er, Zarathustra Zilp, sei in Ungnade gefallen oder noch schlimmer, gefeuert worden.

„Er ist ein Küchenzwerg, ein Kohlenschlepper, ein Kartof­felschäler! Er wird dich mit jeder Silbe blamieren und dich mit seiner Tollpatschigkeit vor deinen Feenkolleginnen lächerlich machen!“

„Du meinst, noch mehr als du sonst immer? Dass ich nicht lache!“

„Pah! Ein Mann von Welt trägt nun mal keine Lackschuhe mit hohen Hacken! Ist doch nicht meine Schuld, wenn ich damit nicht ordentlich gehen kann.“

„Und dafür, dass du im Fallen das Tischtuch und das gesamte Kuchenbüfett heruntergerissen hast, konntest du wohl auch nichts, oder wie?“

„Erstens ist nur eine Torte runtergefallen, zweitens ist das eine Ewigkeit her und drittens lenkst du vom Thema ab.“

Er stampfte mit dem Fuß auf. So ging das nicht. Sie durfte Albert nicht auf seine Stelle setzen. Schließlich stritten sie sich dauernd, die Fee und er, und er protestierte immer, egal, was sie von ihm wollte. Aber das war ja nur ein Spiel! Etwas, womit sie die Langeweile auflockerten, da konnte die Fee doch nicht plötzlich die Regeln ändern.

„Hast du nicht gesagt, du wärst überflüssig?“

„Ich hab nur gesagt, dass du da keinen Diener brauchst und dass ich nicht wie ein Diener aussehen will. Schließlich … schließlich bin ich ja eher so was wie … dein Assistent. Assistenten entscheiden selbst, was sie anziehen.“

„Zwerge können keine Assistenten sein, wo kämen wir denn da hin?“

„Na dann ist es ja gut, dass ich kein Zwerg bin! Ich bin viel zu groß dafür. Mindestens vier Zentimeter. Auf jeden Fall drei! Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich einer von diesen kulleräugigen, knollennasigen, krummbeinigen …“

„Das heißt also, du willst doch mit?“

„Von wollen kann keine Rede sein. Und beklag dich nicht bei mir, falls der Zwerg dich blamiert und die anderen Feen sich hinter deinem Rücken deswegen über dich lustig machen. Wenn du das so haben möchtest, bitte!“

„Was jetzt, ja oder nein?“

„Ja!“, stieß Zarathustra aus.

„Na also, warum denn nicht gleich so?“

Zarathustra atmete erleichtert auf, drehte sich um, sah Albert – und schluckte.

Vor einigen Tagen hatte der Küchenzwerg eine Schüssel mit Hefeteig auf den Tisch in der Küche abgestellt. Der Teig war dicker und dicker geworden, bis er so weit aufgegangen war, dass er über den Schüsselrand quoll. Er, Zarathustra, hatte natürlich nicht widerstehen können und hineingepikt.

Daraufhin war das ganze schöne Gebilde in sich zusammen­gesackt, als hätte jemand die Luft rausgelassen.

Albert fiel im Moment genauso in sich zusammen.

Das Strahlen auf dem Gesicht des Küchenzwergs erlosch, seine Schultern sackten nach unten und er ließ den Kopf hängen und stieg mit schweren Schritten vom Hocker.

Seine kurzen dicken Finger, die bei der Küchenarbeit so geschickt waren, nestelten umständlich an der Schleife vorn an seinem Rüschenhemd, ohne dass er das Ding aufbekam.

Der Wicht sah so jämmerlich aus, dass sich in Zarathustras Magen ein Klumpen bildete. Nein, das konnte er dem armen Kerl nicht antun, nachdem der sich so auf das Fest bei der Feenkönigin gefreut hatte.

Er atmete tief durch und noch einmal, zuckte übertrieben die Achseln, machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte: „Ach, war nur ein Witz. Geht ihr mal, ich kann gut ein bisschen Erholung von euch gebrauchen.“

Albert stutzte, dann zogen sich seine Mundwinkel so weit nach oben, dass sie fast die Ohren berührten, und er sah eifrig bittend zur Fee.

Die verdrehte die Augen. „Gehen wir eben alle“, sagte sie und hob die rechte Hand, um ihm ein Festgewand anzuschnippen.

„Keine Rüschen!“, protestierte Zarathustra.

„Tja, Festtagskleidung ist nun mal Vorschrift.“

Zarathustra biss die Zähne so fest zusammen, dass sie knirschten, denn er wusste genau, dass diese Vorschrift nicht auf Bedienstete zutraf. Die Fee wollte einfach nur angeben. „Aber meine Stiefel behalte ich an“, stimmte er widerwillig zu.

Die Fee schnippte und er stand im gleichen lächerlichen Aufzug da wie Albert.

„Großartig, fantastisch, gigantomanisch“, sagte er, nachdem er einen Blick in die Scheibe der Glasvitrine geworfen hatte. Er kam sich vor wie eine lila Wolke, doch immerhin steckten seine Füße in seinen Stiefeln.

„Und damit eins klar ist.“ Die Fee baute sich drohend vor ihm auf. „Diesmal keinen Streit. Ich will endlich mal ein Fest ohne Ärger erleben.“

„Ja, ja. Als ob ich jemals angefangen hätte. Was kann ich dafür, wenn die anderen …“

„Und du drängst dich nicht in den Vordergrund und mäkelst nicht an den Speisen herum.“

„Ja, ist ja gut. Und nun mach schon, oder willst du die Begrü­ßungszeremonie verpassen?“

„Und du bist dafür verantwortlich, dass er“, die Fee nickte in Alberts Richtung, „keine Dummheiten macht.“ Sie streckte ihnen je eine Hand hin.

„Äh, Moment mal, ich bin doch kein Kindermädchen. Wie soll ich mich amüsieren, wenn ich die ganze Zeit diesen Einfaltspinsel an meinem Rockzipfel hängen habe. Und außerdem bin ich kaum das richtige Vorbild für einen Zwe…“

Es wurde schwarz vor seinen Augen, denn die Fee beförderte sie mit ihrer Willenskraft oder durch Zauberei, wer wusste das schon so genau, von einem Ort zum anderen.

Als er wieder etwas sah, standen sie vor dem Eingangsportal zum Schloss der Feenkönigin.

 

Tiriane Unglücksfee

2

„Nun beeil dich ein bisschen!“

„Seeehr wooohl, Meeeiiisterin.“

Tiriane, die Unglücksfee oder auch die 13. Fee genannt, ging im Salon ihres Schlosses auf und ab. Es kostete sie Mühe, ihre Ungeduld zu zähmen, doch sie wusste, dass es nichts nützte, ihren Diener anzutreiben.

Mug war ein Waldschrat, so alt und so taub wie ein Stück versteinerte Baumwurzel, und so sah er auch aus. Mit der Ge­schwindigkeit einer Schnecke, die über einen Weg kriecht, wischte er ihren Spiegel von Spinnweben und Staubflecken frei. Jedenfalls so gut es ging.

Das Schloss, in dem sie leben musste, und dessen Einrichtung waren vermutlich noch älter als der Waldschrat. Daher hatte ihr Wandspiegel blinde Flecken und Schrammen, aber er war besser als gar nichts.

Endlich schlurfte Mug zur Seite und machte ihr Platz. Tiriane trat vor den Spiegel, konzentrierte sich und schnippte mit den Fingern der rechten Hand. Das Kleid, das sie nun trug, unterschied sich leider nur wenig von dem, das sie vorher angehabt hatte. Schwarzes Oberteil, schwarzer bauschiger Rock, lange schwarze Ärmel, immerhin mit einer Spitzenborte an den Handgelenken.

Sie konnte sich anstrengen, soviel sie wollte, ein paar Rüschen mehr und an guten Tagen eine Weste mit weißem Vorderteil war alles, was sie zustande brachte. Und sogar die durfte sie heute nicht tragen, denn Schwarz war nun einmal die Farbe der Unglücksfee. Selbst dann, wenn sie das Sommerfest der Feen besuchte, auf dem alle anderen sich bunt und fröhlich herausputzten.

Ein weiteres Schnippen und noch ein paar Rüschen verzierten ihr Kleid. Als sie halbwegs zufrieden war, befasste sie sich mit ihrem Haar. Sie türmte es per Fingerschnipp zu einem Lockenberg auf und probierte wippende Korkenzieherlöckchen, die ihr Gesicht einrahmten. Das Geschaukel machte sie jedoch nervös. Daher versuchte sie es mit Zöpfen in verschiedenen Varianten, bis sie endlich eine Frisur fand, die feierlich und festlich aussah.

„Wenigstens etwas“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild und begutachtete sich von allen Seiten, dann beugte sie sich dicht an den Spiegel und betrachtete kritisch ihre Stirn und die Augenwinkel. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf und stieß einen langen Seufzer aus. Da gab es nichts zu beschönigen, die Farbe Schwarz stand ihr leider überhaupt nicht.

Mit der Wut, die bei dieser Erkenntnis in ihr aufkeimte, änderte sich auch ihre Gesichtsfarbe von käsig weiß zu fleckig rot. Eins so unkleidsam wie das andere. Wäre es ihr möglich gewesen, hätte sie Silviane Märchenfee verflucht.

In dem Moment bemerkte sie im Spiegel eine Bewegung und zuckte zusammen. Es sah aus, als würde sich etwas von ihr lösen. Ein Schatten …

Nein, Schatten waren dunkel. Dieses … Ding wirkte hell und fröhlich und bunt.

Befand sich jemand hinter ihr? Aber wie sollte das möglich sein? Tiriane Unglücksfee drehte sich um, doch da war nichts. Oder?

Als ihr bewusst wurde, dass ihr Diener Mug nach wie vor neben der Tür stand, scheuchte sie ihn mit einer Handbewegung hinaus. Sie wartete ungeduldig, bis sie allein im Salon war, dann schaute sie erneut in den Spiegel.

Tatsächlich, da war es wieder. Es sah aus, als wäre es ihr Schatten, nur eben anders. Eine helle, glänzende Version ihrer selbst. Langsam drehte sie sich um und da schwebte sie – oder es. Wer konnte das wissen?

Nun erkannte Tiriane auch das Kleid, das dieser Schemen trug. Es war jenes, welches sie in dem Jahr auf dem Sommerfest angehabt hatte, als die Feenkönigin sie ihres Postens enthob. Ein Traum aus zarter Spitze und Tüll in Hellgelb, der bei jeder Bewegung aussah, als striche der Wind über eine Sommerwiese voller Schlüsselblumen. Sogar die Blumenfee hatte sie um diese Kreation beneidet. Sie war so stolz darauf gewesen.

„Wie wir sehen, erinnern wir uns“, sagte ihr Schemen nicht gerade freundlich. „Alles weg, alles dahin und nur wegen dieser hinterhältigen Silviane, die Märchenfee sein darf, obwohl das eigentlich uns zusteht!“

Nun, da konnte Tiriane nicht widersprechen. Wenn sie daran dachte, wie diese intrigante Person ihr damals, als sie selbst noch den Posten der Märchenfee innehatte, nachspionierte, um sie beim kleinsten Fehltritt gleich bei der Feenkönigin anzuschwärzen, wurde sie nicht nur rot, sondern grün im Gesicht.

Dennoch war ihr diese Erscheinung nicht geheuer.

„Wer bist du?“, fragte sie und streckte zögerlich eine Hand nach dem Schemen aus. Nebelschwaden verwirbelten an der Stelle, die sie berührte, lösten sich auf und setzten sich wieder zu einem Bild zusammen.

Der Schemen schnaubte. „Als wüssten wir das nicht ganz genau! Ich bin ein Teil von dir, natürlich der bessere Teil. Ich bin Schönheit, du mein schwarzer Abklatsch. Ich bin eine Kämpferin, du jammerst und zeterst nur herum. Ich bin Licht, du mein Schatten. Ich bin das Tiri von Tiriane, du der klägliche Rest.“

Tiriane fröstelte. Wurde sie verrückt? War das Teil ihrer Strafe? Sah sie Dinge, die gar nicht existierten? „Was … was willst du hier?“

Die Erscheinung schwebte unter die Decke und drehte sich dort einmal im Kreis. „Was wohl? Wir haben es satt, in diesem Dreckloch zu leben und diese Trauerkleider zu tragen. Unternimm also gefälligst endlich was dagegen!“

Die Salontür knarrte und der Schemen löste sich auf.

Mug schaute herein. „Duuu haaast geeeruuufen?“, fragte ihr Diener.

Hatte er etwa gehört, wie sie mit … einem Geist redete? Oder mit sich selbst? „Äh, ja“, sagte sie. „Bring … Tee.“

Nachdem er seinen Kopf zurückgezogen hatte, sah Tiriane sich um. Als sie keine schleierhaften Bewegungen und Nebelschwa­den entdeckte, atmete sie auf.

Einbildung, nichts als Nervenflattern, beruhigte sie sich. Sobald das Sommerfest überstanden war, würde es ihr besser gehen. Es graute ihr vor dem Getuschel der anderen Feen, doch es nützte nichts. Sie musste ihrer Königin die Ehre erweisen und dort erscheinen.

Tiriane hockte sich hinter den alten Standspiegel und hob ein Brett aus dem Holzfußboden, das nur locker auflag. Aus dem Hohlraum darunter holte sie ein kleines Bündel heraus, das in ein schwarzes Tuch gewickelt war.

Da die Tür erneut knarrte, schob sie das Brett schnell zurück und legte die Hand auf den Rücken, damit ihr Diener nicht sah, was sie da hatte.

Mug dirigierte einen klapprigen Tisch auf Rädern herein. Darauf standen eine Kanne und zwei angeschlagene Tassen. Die Untertassen dazu passten nicht zusammen. Gemächlich goss er ein.

„Wozu zwei Tassen?“, herrschte Tiriane ihn an.

Füüür diiich uuund deeeiiinen Gaaast.“ Mug schlurfte hinaus.

Ihr Gast? Tiriane fuhr herum. Der Schemen war zurück und der Waldschrat konnte ihn sehen?

Die Erscheinung kam angeschossen, schwebte über dem Tisch, hielt die Nase in eine der Tassen und verzog angewidert das Gesicht.

„Wässrige Plörre! Wie ist der Plan uns hier herauszubringen? Und wage es nicht, uns zu sagen, dass wir keinen haben, wenn du jemals wieder ruhig schlafen willst.“

Vorsichtshalber überzeugte Tiriane sich mit einem Blick davon, dass Mug die Tür tatsächlich geschlossen hatte.

„So einfach ist das nicht“, verteidigte sie sich dann. „Aber keine Sorge, mir fällt schon noch was ein.“ Sie kam sich einfältig vor, denn obwohl sie den Schemen sah, war es doch, als würde sie mit sich selber reden. Bei der Vorstellung, dieses Ding könnte sie von nun an jede Nacht wach halten und Forderungen stellen, bekam sie augenblicklich rasende Kopfschmerzen. Sie musste es unbedingt wieder loswerden.

„Das wollen wir auch hoffen. Und nun zeige uns endlich unseren Schatz.“

Tiriane nahm ihre rechte Hand von ihrem Rücken und schlug das Tuch darin auf.

Ein goldener Fingerring, ein Armreif und eine Kette blitzen im trüben Licht der flackernden Kerzen auf. Die Edelsteine an den Schmuckstücken funkelten so strahlend, dass es sofort heller im ansonsten düsteren Schlossgewölbe wurde.

„Leg ihn an! Leg ihn an!“

Der Schemen umwaberte sie hektisch, schlängelte sich um ihre Hand, zog sich durch den Armreif und gleich darauf wie ein langer grauweißer Nebelfaden durch den Fingerring.

Die Unglücksfee schüttelte sich leicht, doch sie trat vor den Spiegel, schob sich den Ring auf den Finger, streifte den Armreif über und hielt sich die Kette vor die Brust.

Was für ein herrlicher Anblick!

„Ein Jammer, dass wir nichts davon tragen können. Wir sollten das Geschmeide wenigsten hier, innerhalb dieser muffigen Wände, öfter anlegen. Wozu haben wir Gold und Edelsteine, wenn wir sie nicht würdigen?“

„Oh nein! Falls die Feenkönigin das erfährt, wüsste ich nicht, wie ich ihr erklären soll, weshalb der Schmuck sich in meinem Besitz befindet.“

„Wie könnte das je bis zu ihr dringen. Sei nicht immer so feige.“

„Mug …“

„Pah! Dieser Holzkopf von Diener schafft es ja nicht mal, seinen Mund für einen Gruß zu öffnen. Er wird kein Wort darüber verlieren.“

„Und wenn doch?“

„Dann lügen wir, na und?

„Das müsste aber eine sehr überzeugende Lügengeschichte sein.“ Tiriane schnaubte verächtlich. Dieser Schemen hatte ja keine Ahnung. „Die Königin würde mich sofort durchschauen. Mir bliebe nichts anderes übrig, als zuzugeben, dass ich mich von einer Märchenfigur mit Edelsteinen bezahlen ließ, um dieser Pute Silviane eine Falle zu stellen. Das kommt gar nicht infrage.“

Die Feenkönigin verstand keinerlei Spaß, wenn es um die Gesetze im Reich der Fantasie ging.

Schweren Herzens nahm sie die Schmuckstücke ab, wickelte sie in das Tuch und legte sie zurück in den Hohlraum unter dem Fußboden.

„Noch nicht! Noch nicht“, kreischte der Schemen und ver­schwand in den Ritzen zwischen den Bodendielen.

Tiriane atmete erleichtert auf. Dieses Wesen war ihr unheimlich. Mit einem hatte es allerdings recht. Sie brauchte unbe­dingt einen durchdachten Plan, wie sie es bewerkstelligen konnte, zu beweisen, dass die derzeitige Märchenfee sich ebenfalls nicht an die Regeln hielt.

Dann hätte die Königin gar keine Wahl und müsste der dummen Pute dieses Amt wegnehmen und es zur Belohnung wieder ihr übertragen.

Ein schöner Gedanke, doch im Moment hatte sie keine Zeit, weiter an ihrer List zu arbeiten, denn sie musste sich auf den Weg machen. Sie durfte nicht zu spät zum Sommerfest erscheinen, und ein Teil ihrer Strafe bestand darin, dass sie, die Unglücksfee, sich nicht von Ort zu Ort zu schnippen vermochte, wie Feen das normalerweise taten.

Nein, ihr blieb nichts anderes übrig, als sich in eine alberne Elster zu verwandeln und zu fliegen. Es kostete sie jedes Mal Überwindung, die Verwandlung vorzunehmen, doch sie hatte keine Wahl, wenn sie große Entfernungen zurücklegen wollte.

Daher schnippte Tiriane mit den Fingern der rechten Hand und wurde zu einem schwarz-weißen Vogel. Sobald das erledigt war, schüttelte sie ihr Gefieder aus, spreizte die Flügel, erhob sich in die Luft und segelte zu einem der Fenster hinaus, deren Scheiben zerbrochen waren.

Bis zum Schloss der Feenkönigin war es ein weiter Weg für eine kleine Elster.

 

Joleen

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Joleen saß am Küchentisch und machte Hausaufgaben. Englisch und Mathe hatte sie bereits erledigt, fehlte nur noch der Stammbaum, den sie im Biologieunterricht für ihren Klassenlehrer Herrn Wichert anfertigen musste.

Eine langweilig Aufgabe und eher etwas für Grundschüler, doch sie hatten Verwandtschaftsverhältnisse durchgenommen und alle Bezeichnungen dafür heraussuchen müssen. Daher fand Herr Wichert, es sei angebracht, dass sich jeder in der Klasse mal mit seiner eigenen Sippe beschäftigte.

Obwohl Joleen keine Familie hatte, geschweige denn, eine Sippe, wusste sie nun also bestens Bescheid über Neffen und Nichten, Tanten und Großonkel, Schwager und Schwägerinnen, Cousins und Cousinen.

Sie hatte nur Tilli, ihre Großmutter, jedenfalls offiziell. Tatsächlich stimmte aber nicht mal das, denn Tilli und sie waren nicht wirklich verwandt. Tilli hatte sie aufgenommen und küm­merte sich um sie, seit Joleen ein Baby war. Damit sie bei ihr bleiben durfte und nicht in ein Heim oder zu irgendwelchen Pflegeeltern musste, hatten sie sich diese Großmutter-Geschichte überlegt.

Die musste sie jetzt natürlich in ihren Stammbaum aufneh­men, aber das stellte kein Problem dar.

Sie und Tilli hatten sorgfältig eine Ahnenlinie ausgearbeitet, als Joleen in der dritten Klasse zum ersten Mal einen Stammbaum anfertigen musste. Dafür hatten sie alle Arten von Verwandten erfunden, Tanten und Onkel, Großeltern und Urgroßeltern. Alles, was zu einer echten Sippe dazugehörte.

Sogar ihre Eltern tauchten darin auf, obwohl weder sie noch Tilli eine Ahnung davon hatten, wer sie gewesen waren oder wie sie hießen. Für die zwei hatte Tilli sich schon Namen, Geburtsdaten und Berufe ausgedacht, als Joleen gerade mal vier Jahre alt war.

Beide waren angeblich Ingenieure gewesen, die beim Aufbau eines Wasserkraftwerks in Brasilien mitgearbeitet hatten und dort bei einem Unfall gestorben waren. Das klang glaubhaft und die Leute fragten nie nach. Das war der Sinn der Sache.

Damit ihr Klassenlehrer ihren Stammbaum nicht sonderlich beachtete und womöglich anfing, sie nach irgendwem zu fragen, schmierte sie ein bisschen und ließ an einigen Stellen absichtlich Lücken. Das würde ihr zwar nicht gerade eine gute Note einbrin­gen, aber sie fand es ratsamer, unauffällig zu bleiben.

Tilli kam herein, legte eine Handvoll Radieschen in die Spüle und wusch sich die Hände. Hinten im Garten hatten sie ein paar Gemüsebeete angelegt. Dort wuchsen abgesehen von Radieschen auch Mohrrüben, Salat, Petersilie, Erbsen und jede Menge Blumen.

„Musst du noch viel machen oder kannst du mit mir zum Einkaufen fahren?“, fragte ihre Großmutter. „Wir müssen aller­hand für die Garenparty besorgen“

Richtig, die Gartenparty, die hatte Joleen völlig vergessen. Tilli hatte die Mitglieder des Festausschusses zu sich in den Garten eingeladen, der das jährlich stattfindende Dorffest in Klein Südende organisierte. Und da sie schon mal dabei war, hatte sie die Nachbarn ebenfalls dazugebeten und praktisch jeden, der ihr sonst noch so über den Weg gelaufen war.

„Kein Problem. Bin gerade fertig.“ In dem Moment, als Joleen ihr Heft zuklappte, sah sie im Haus gegenüber Rob, der im Dachgeschoss am Fenster stand und hinausstarrte. Offenbar war er in Gedanken versunken und bemerkte sie nicht.

Um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, zog Joleen sich vom Küchentisch zurück. Während sie ihre Sandalen anzog und Ein­kaufstaschen heraussuchte, dachte sie über ihn nach.

Rob war in ihrem Alter und sie gingen in dieselbe Klasse. Deshalb und weil sie ihn eigentlich ganz nett fand, hatte sie wochenlang versucht, sich mit ihm anzufreunden, nachdem Tilli und sie in dieses Haus gezogen waren. Doch er wollte nichts mit ihr zu tun haben.

Wahrscheinlich hatte sie sich das selbst zuzuschreiben, denn er hatte sie dabei erwischt, wie sie in seinen Schätzen herumwühlte. Und zwar in denen, die er in einer der Kammern in ihrem Schuppen hinten im Garten aufbewahrte. Das hatte Tillis Cousine Gertrud ihm erlaubt, von der Tilli das Haus geerbt hatte, und Tilli fand, das sollte auch so bleiben. Er kam aber nie zu ihnen rüber, wenn sie, Joleen, da war.

Die Sache mit Rob war so verfahren, dass es mit ihnen beiden wohl niemals klappen würde. Besser, sie gewöhnte sich daran.

Blöd war nur, dass es außer ihm bloß noch zwei Jungen in ihrem Alter im Dorf gab, und die konnte sie nicht ausstehen. Alle anderen Kinder waren entweder wesentlich jünger oder wesentlich älter.

Joleen seufzte und lief hinaus in den Carport, wo Tilli schon auf sie wartete. Mit ihrem klapprigen Kombi fuhren sie ein paar Kilometer durch den Wald nach Groß Südende. Das war der Ort, in dem sie zur Schule ging und in dem alles angeboten wurde, was sie zum Leben brauchten.

Die Stadt war nicht groß, gerade mal zwölftausend Menschen lebten dort, aber es gab ein Einkaufszentrum und auf dessen Parkplatz bogen sie nun ein.

Es dauerte fast eine Stunde, bis sie Tillis Einkaufsliste abgear­beitet hatten. Vor allem deshalb, weil ihre Großmutter viele Leute traf, die sie in dem Jahr, seit sie hier wohnten, kennengelernt hatte, und sich mit allen unterhielt.

Nachdem sie endlich bezahlt und alles im Kofferraum ihres Wagens verstaut hatten, fuhren sie bei der Bücherei vorbei. Joleen wollte die Chance nutzen, dass sie die Bücher nicht auf dem Fahrrad transportieren musste, und sich ordentlich mit Lesestoff eindecken.

Tilli beschloss, sich in der Zeit gegenüber in Heinsens Café eins von Heinsens berühmten Sahnetörtchen zu gönnen.

Als Joleen nach einer halben Stunde schwer beladen die Straße überquerte und auf das Café zuging, dachte sie, sie sähe nicht recht.

Tilli hatte Gesellschaft bekommen. Am Tisch ihrer Groß­mutter saß ein Mann. Das wäre vollkommen in Ordnung, wenn es sich dabei nicht ausgerechnet um Dr. H. D. Fipsel handeln würde. So stand es auf einem angelaufenen Messingschild an seiner Kanz­lei, das ihn als Rechtsanwalt und Notar auswies.

Dr. Fipsel war derjenige gewesen, der Tilli die Unterlagen für das Haus und die für die Bankkonten übergeben hatte, die ihre Cousine Gertrud ihr hinterließ.

Leider war er vom ersten Moment darauf aus, Tilli dazu zu überreden, ihm eine Vollmacht zu unterschreiben, die es ihm erlaubte, sich um deren Geld zu kümmern.

Das Dumme war, dass Tilli praktisch alles unterschrieb, was man ihr hinhielt, ohne es zu prüfen. Sie war einfach zu gutgläubig. Deshalb waren sie früher dauernd in Schwierigkeiten geraten und hatten nie Geld gehabt, dafür aber jede Menge Krempel, den sie gar nicht brauchten.

Seit Joleen einigermaßen rechnen konnte, passte sie auf, dass so etwas nicht wieder passierte, und bisher hatte es ganz gut funktioniert.

„Ah, die junge Dame kommt mir bekannt vor“, sagte Fipsel, als Joleen sich dem Tisch näherte. „Na, ich muss dann auch weiter. Haben Sie vielen Dank für ihre freundliche Einladung, Frau Winterberg. Ich werde darüber nachdenken.“

Dr. Fipsel mochte sie nicht, daher nickte er ihr nur knapp zu und schlenderte die Straße hinunter. Joleen war das ganz recht. Sie mochte ihn auch nicht, denn sie war sicher, dass seine Freund­lichkeit nicht echt war und er nur auf Tillis Geld aus war.

Tilli winkte der Bedienung und bestellte einen extragroßen Schokoeisbecher mit Sahne. Wäre Fipsel nicht aufgetaucht, hätte Joleen den sicher genießen können.

„Was meinte er denn mit der freundlichen Einladung?“, fragte sie, obwohl sie fürchtete, die Antwort bereits zu kennen.

„Ach, ich habe ihm von unserer Gartenparty erzählt und ihm gesagt, dass er herzlich willkommen ist.“

Joleen stöhnte auf und Tilli schüttelte den Kopf.

„Ich weiß gar nicht, was du hast“, sagte ihre Großmutter. „Dr. Fipsel ist so ein netter Mann. Und ausgesprochen höflich ist er auch noch.“

„Dagegen sage ich ja gar nichts. Meinetwegen kannst du ihn so nett finden, wie du willst. Hauptsache, du unterschreibst ihm nichts, was ich nicht vorher gelesen habe.“

„Ach, du machst dir viel zu viele Sorgen, Kind. Die Welt ist gar nicht so schlecht, wie du immer denkst.“

„Ja, klar, aber du unterschreibst nichts. Okay?“

„Ja, ja. Wieso sollte ich auch.“

Weil du leider jeden Tag vergesslicher wirst, dachte Joleen und senkte den Blick, damit Tilli ihr ihre Sorge nicht ansah.