Bestefreunde CoverHi, ich bin Jo, na ja, eigentlich Johanna, und bei „Beste Freunde küsst man doch“ geht es um meine Geschichte. Was du über mich wissen musst? Ich bin Anfang 30, lebe in Berlin und ... Was rede ich da, schlag einfach im Lexikon unter „Murphys Law“ nach, da findest du sicher eine ausführliche Beschreibung mit Foto von mir. Denn genau, wie Murphys Gesetz es besagt, geht bei mir alles schief, was schiefgehen kann. Auf der Suche nach dem großen Glück stolpere ich durchs Leben, bin schwarzes Schaf der Familie, beste Freundin und schlimmste Feindin. Garantiert treffe ich dabei jeden Fettnapf und veranstalte dann noch ordentlich Geschrei, sodass auch wirklich alle darauf aufmerksam werden, dass mir das nächste Missgeschick passiert ist. 

Wenn es dir wie mir geht und du jede Entweder-oder-Entscheidung vermasselst und das Gefühl hast, dass immer alle stehen bleiben, wenn du gerade losläufst, und dass das Leben manchmal einfach nur ungerecht ist, dann wird dir meine Geschichte sicher gefallen. Denn auch für uns hält das Schicksal seinen ganz eigenen Plan bereit.

 

XXL-Leseprobe zu „Beste Freunde küsst man doch“ von Mila S. Lange

1

Warum muss Papier nur so verdammt schwer sein? Der Griff der Plastiktüte mit meiner Artikelsammlung zum Thema „Location-based-Marketing“, die ich mir im Laufe der letzten zwei Wochen aus dem Internet ausgedruckt habe, schneidet mir in die Hand. Meine Finger sind schon völlig abgestorben. Wechseln geht aber nicht, denn in der anderen halte ich einen Stoffbeutel und eine Papiertüte. Beide randvoll mit Klamotten, Schuhen, Schminkutensilien, Kaffeebecher und, und, und.
Ich würde gern alles absetzen und einen Moment ausruhen, doch dann müsste ich den Karton mit den Büchern, der unter meinem linken Arm klemmt, auf die Erde stellen und die ist nass, da es wieder mal geregnet hat. Wie auf Bestellung rutscht jetzt auch noch der Riemen meiner Umhängetasche.
Nur ein paar Meter, das schaffst du! Das sage ich mir schon, seit ich aus der Tram gestiegen bin.
Ich biege in meine Straße ein, hole das Letzte an Reserven aus meinem Körper heraus und galoppiere auf die Haustür zu. Dabei spüre ich, wie der Karton unter meinem Arm Millimeter für Millimeter tiefer rutscht. Schneller, schneller, sporne ich mich an, doch gegen die Schwerkraft bin ich machtlos.
Im Zeitlupentempo bewegt das Paket sich nach unten, entkommt meinem Ellenbogen, fegt meinen Zeigefinger zur Seite, das Einzige, was ich zur Rettung der teuren Bücherschinken erübrigen kann, und fällt. Ich schaffe es zwar noch, den Fall mit einem Fuß abzubremsen, aber die Bücher krachen dennoch auf den Boden. Murphy's Law getreu, wonach alles, was schiefgehen kann, auch schiefgeht, katapultiere ich sie mit meinem Fußkick in die einzige Pfütze weit und breit. Der Karton landet auf einer Ecke und platzt satt schmatzend auf. Schöne Bescherung.
„Warte, ich mach schon“, höre ich hinter mir eine vertraute Stimme und atme auf.
Timo, mein Retter in der Not. Es hätte nicht geschadet, wäre er eine halbe Minute früher aufgetaucht, doch in Anbetracht der Tatsache, dass er die tropfenden Bücher ohne Rücksicht auf seinen hellen Büroanzug aus dem Dreck fischt, will ich jetzt nicht kleinlich werden.
Timo ist mein bester Kumpel. Wir haben uns während des Studiums kennengelernt, weil wir am ersten Tag in dieselbe „Wir beschnuppern uns und sind alle voll nett zueinander“-Gruppe gelost wurden. Alle nervig, hat sich nach und nach herausgestellt, außer Timo.
Das ist gut acht Jahre her und inzwischen ist Timo Meyer nicht nur mein Freund, sondern auch mein Vermieter. Was Finanzen angeht, hat er richtig was drauf, daher gehören ihm jetzt schon zwei Wohnungen in diesem Block, der von einer Wohnungsbaugesellschaft in Eigentumswohnungen umgewandelt worden ist. Eigentlich sogar drei, er selbst bewohnt zwei übereinanderliegende, die er durch eine Wendeltreppe miteinander verbunden hat.
Ansonsten ist er ein typischer Normalo, aber zuverlässig und hilfsbereit. Hundetyp Golden Retriever, nicht, dass ich mich mit Hunden auskenne. Jedenfalls lieb, humorvoll und ein echter Freund.
Er schließt die Haustür auf und folgt mir in den zweiten Stock und in meine Wohnung, die neben seiner liegt.
„Hat also nicht geklappt“, sagt er und nickt in Richtung der Taschen, die ich bei der Eingangstür fallen gelassen habe.
Ich zucke die Achseln und tue gleichgültig. „War ja klar.“
„Wer weiß, wozu es gut ist“, sagt er. Ein Versuch, mich zu trösten.
„Ja, schon, doch wieso ausgerechnet der? Er ist so ein … ein Blödmann! Jawohl! Ein Sprüche klopfender Blödmann. Rennt rum und tut so, als hätte er die Weisheit mit Löffeln gefressen. Gut, er weiß ja auch einiges, aber trotzdem! Außerdem führt er dauernd private Telefongespräche mit seinen diversen … Freundinnen. Ich arbeite viel mehr als er.“ Ich kicke meine Schuhe von den Füßen.
Timo legt inzwischen die Bücher im Flur aufs Schuhregal und einen Stoffbeutel, der mir bisher nicht aufgefallen ist, auf die Ablage neben der Spüle in der Küche und beginnt auszupacken.
„Kalbsschnitzel, neue Kartoffeln, Kräuter, Wein und Käse. Was hältst du von Saltimbocca mit Pellkartoffeln und Ziegenfrischkäse?“, fragt er und ich könnte ihn küssen.
Das ist typisch Timo, keine großen Worte, doch zur rechten Zeit immer ein Stück Fleisch parat. Er hat offensichtlich damit gerechnet, dass die Heinis in der Firma mich nicht zur Projektleiterin befördern.
Wie deprimierend. Im Grunde habe ich es auch gewusst, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Andererseits – Saltimbocca zählt zu unseren Festtagsgerichten, wir könnten damit ebenso gut meinen Sieg feiern. Vielleicht sollte ich da nicht zu viel reininterpretieren.
In Situationen wie dieser, Schlappe im Beruf, Missgriff in der Liebe, Fehlkauf zu Höchstpreisen … tröste ich mich, indem ich koche, am liebsten was mit Fleisch. Ganz zu Timos Freude, denn er isst gerne gut. Saltimbocca ist unser derzeitiges gemeinsames Leibgericht.
„Okay, Dreiviertelstunde“, sage ich. „Svea taucht bestimmt auch noch auf.“ Er nickt nur, als ich meine beste Freundin erwähne, und geht nach nebenan in seine Wohnung.
Ich schmeiße die Tür hinter ihm zu und steuere das Badezimmer an. Offiziell, um mir den Schweiß von der Anstrengung abzuduschen, tatsächlich, um meinen Frust und ein paar Tränen den Abfluss runterzuspülen.
Gut, Oliver Boldt ist zwei Jahre länger in der Firma als ich, aber trotzdem. Ich habe wirklich geglaubt, sie würden mich nehmen, na ja, zumindest ein bisschen. Stattdessen musste ich meinen Schreibtisch und den Schrank in unserem bisherigen gemeinsamen Büro räumen. Und wozu? Nur damit Kollege Boldt entsprechend seines neuen Postens den Raum für sich alleine hat. Nun sitze ich im Großraumbüro, in dem es keinen Platz für meine Ersatzgarderobe und meine Privatbibliothek gibt. Jedem steht dort nur ein schmales Fach für seine privaten Dinge zu.
Ich naives Huhn habe Boldt wahrscheinlich noch in die Hände gespielt, indem ich fleißig alle Arbeit erledigte, die bei uns anfiel, während er flurauf, flurab Small Talk machte. Dabei zitierte er dauernd ominöse Schlagworte aus dem Web und regte an, „die zwei großen Konzepte Microlocation und Location Engagement“ genauer zu betrachten und sie unseren Kunden näherzubringen. Keine Frage, dass er alle beeindruckte, mich eingeschlossen.
Deshalb der Stapel Papier, den ich nach Hause geschleppt habe. Wie die anderen im Büro auch habe ich zwar mit Kennermiene genickt, als er über Indoor-Navigation und Kundenverortung dozierte, hätte aber ums Verrecken nicht sagen können, worum es dabei im Detail geht.
Inzwischen weiß ich, dass er diese Schlagworte aus einem Artikel aus dem Internet hat. Der Kerl hat Nerven! Wirft mit Ausdrücken, die er vermutlich nicht mal selber versteht, um sich, als gäbe es Bonuspunkte für unverständliches Neudeutsch-Geschwafel. Andererseits, vielleicht bekommt er die tatsächlich.
Der affige Boldt hat's richtig gemacht. Genau wie Timo. Nach dem Studium kein „Ich denk mal nach, was mir Spaß machen könnte“, keine Auszeit in Neuseeland, kein in den Sand gesetztes Semester wegen notorischer Ziellosigkeit.
Zu spät, also Schwamm drüber.

Svea taucht auf, als Timo und ich alles fertig haben und nur noch das Fleisch kurz anbraten müssen. Im Gegensatz zu ihr fasst er immer mit an.
„Was?“, sagt sie, als Timo und ich uns ansehen, grinsen und uns abschlagen. „Kann ich doch nichts dafür, wenn ihr so schnell seid.“
Wir haben nichts anderes von ihr erwartet und unsere einvernehmlich aufgestellte Prognose trifft mal wieder voll ins Schwarze. Die Frau hat ein verdammt gutes Timing, wenn es darum geht, Tätigkeiten aus dem Weg zu gehen, die sie nicht mag. Kochen gehört definitiv dazu. Abwaschen allerdings auch.
Da wir bereits telefoniert haben, weiß sie von meiner Schlappe und nimmt mich in den Arm, um mich zu trösten.
Ich bin inzwischen beim zweiten Glas Rotwein angekommen und dementsprechend hemmungslos, was meinen Frust angeht. Timo atmet erleichtert auf, als er denkt, ich sehe es nicht, so froh ist er, dass meine Tiraden über männliche Kollegen, männliche Bosse und Männer im Allgemeinen sich nun an eine andere Adresse richten.
Während des ganzen Essens meckere ich über Boldt, darüber, wie er spricht und wie er geht und natürlich darüber, wie er sich wichtig tut. „Gut“, sage ich, als Timo mir den leeren Teller unter der Nase wegzieht, weil ich dauernd mit der Gabel draufhaue. „Er ist länger in der Firma als ich und er weiß 'ne Menge …“ Ich sehe, dass Timo sein typisches Grinsen grinst, und reiße mich zusammen. „Das hab ich schon gesagt, oder?“, frage ich und er grinst nur noch breiter.
Das mag ich so an ihm. Er meckert nie an mir rum und hält mir nie vor, dass ich schwafle, was ich, wie ich zugeben muss, manchmal tue, wenn ich schlechte Laune habe.
„He, die Sache hat auch was Gutes“, sagt Svea und steht tatsächlich auf, um Timo beim Tischabräumen zu helfen. Das beste Zeichen dafür, dass ich mit meinem Gemecker zu weit gegangen bin.
„Du musst dir nicht mehr sein Gesäusel am Telefon anhören und nicht mehr seine Groupies vertrösten, wenn er wieder mal nicht da ist“, führt sie aus, was sie als Vorteil ansieht. „Und außerdem bist du im Grunde gar nicht so wild auf Karriere. Tief in deinem Herzen bist du wahrscheinlich sogar froh, dass es mit der Beförderung nicht geklappt hat.“
„Wie bitte?“ Ich starre sie an, als wäre ihr plötzlich eine zweite Nase gewachsen. „Wie kommst du denn darauf?“
„Na, sieh dich doch um, gemütliche Wohnung, regelmäßig ein mehrgängiges Menü auf dem Tisch, jeden Tag um halb fünf Feierabend … Das hättest du als Boss alles nicht.“
„Pff! Ich mach genauso Überstunden wie alle anderen. Und nur, weil ich es gemütlich mag, sagt das noch gar nichts über meinen Karrieretrieb aus.“
„Na, meinetwegen. Aber ich wette, du würdest jeden Job in der Leitungsetage sausen lassen, wenn du dafür den Mann fürs Leben bekämst.“
„Kann Frau nicht beides haben?“ Allmählich werde ich patzig.
Ich könnte ihr auf Anhieb mindestens zehn Nachteile aufzählen, die es mit sich bringt, in einem Großraumbüro zu arbeiten, statt in einem Zweimannzimmer. Vor allem, wenn der zweite Mann die Hälfte des Tages abwesend ist, weil er andere an deren Arbeitsplatz mit seinen Weisheiten und Sprüchen beglückt, aber ich reiße mich zusammen. Irgendwann muss Schluss sein. Außerdem sieht Svea aus, als würde sie die Flucht ergreifen, wenn ich nicht gleich mit dem Gemecker aufhöre.
Und natürlich stimmt es, dass ich ihr mehr oder weniger ständig die Ohren volljammere, weil alle guten Männer schon vergeben sind.
Da ich nun ja noch einmal allen Ärger losgeworden bin, gebe ich mir einen Ruck und raffe mich dazu auf, das Leben wieder schön zu finden. Schließlich ist Freitagabend und das Wochenende liegt vor uns, endlich mal eins, an dem ich nichts fürs Büro tun werde.
Wir köpfen eine weitere Flasche von dem edlen Roten, den ich vorsorglich für meine Siegesfeier besorgt habe, und noch eine. Und wie üblich, wenn wir drei zusammen sind, hole ich irgendwann die Karten raus. „Ihre Einsätze Ladys und Gentlemen“, verkünde ich. Das mache ich jedes Mal, obwohl wir nur Mau-Mau spielen. Dafür braucht man nicht unbedingt nüchtern zu sein und wer verliert, liefert einen seiner Plastikchips ab, Plättchen aus einem alten Flohhüpfspiel. Der Loser des Abends macht hinterher den Abwasch. Theoretisch. Praktisch läuft es immer darauf hinaus, dass Timo und ich das tun, während Svea uns dabei zusieht oder uns im Weg steht oder ganz eilig weg muss.
„Wie wär's heute mal mit 'ner Strip-Variante Mädels?“, schlägt Timo vor. Seine Sugardaddy-Nummer, vorgetragen mit tiefer Stimme und dreckigem Grinsen.
Das macht er auch jedes Mal und wie jedes Mal sehen Svea und ich uns an, verdrehen die Augen, sodass sie uns fast rausfallen, und gähnen übertrieben. „Es kommt der Tag, Timo Meyer aus Berlin-Pankow, Großgrundbesitzer und Möchtegernplayboy, da sind wir einverstanden und nehmen dich anschließend so was von in die Zange, dass du in null Komma nichts die Hose runterlassen musst. Bin mal gespannt, ob du dann immer noch so selbstgefällig grinst.“
„Du sagst es, Schwester“, stimmt Svea mir zu.
Wir klatschen uns ab, ich mische und teile aus.
„Weicheier“, kommt es von Timo, auch wie üblich, und er setzt das auf, was er sein Pokerface nennt.
Ich kann mir gut vorstellen, dass er nichts dagegen hätte, falls Svea sich entblätterte. Sie ist eine Wucht. Langes honigblondes Haar, das sie sich ab und zu auf diese Art über die Schultern wirft, die alle Männer schwach macht. Tolle Figur und jede Menge Humor. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich ihr jedenfalls zu Füßen liegen.
Es ist nicht mein Abend, was niemanden überrascht. Svea, die vor mir sitzt, legt gefühlt jedes zweite Mal eine Sieben ab, sodass ich nach ihr meist nicht nur zwei, sondern vier Karten aufnehmen muss. Ich kann die vielen rutschigen Dinger kaum halten und verliere eine Runde nach der anderen. Wären wir auf Timos Strip-Variante eingegangen, hätte ich mir garantiert eine Lungenentzündung geholt, so schnell wäre ich nackt gewesen. Obwohl die beiden mir regelmäßig gönnerhaft ein paar Chips von ihrem Stapel zuschieben, bin ich ständig blank. Meine Pechsträhne hält an. Ich bin und bleibe der Loser des Tages.
Da sie auch mein Glas immer wieder auffüllen, bin ich bald beschickert und habe zunehmend Schwierigkeiten, die Bilder auf den Karten auseinanderzuhalten. Daher empfinde ich es als willkommene Unterbrechung, als das Telefon klingelt.
Ich stakse in den Flur, nehme den Apparat aus der Ladestation und stiere aufs Display. Die angezeigte Handynummer sagt mir nichts, doch offensichtlich habe ich das Gespräch angenommen, denn ich höre eine Frauenstimme fragen: „Hallo? Bist du das, Hannilein?“
Han-ni-lein?
Mir sträuben sich die Nackenhaare. Es gibt nur zwei Menschen, die mich so nennen, obwohl ich es ihnen mehrfach verboten habe. Einer ist meine Oma, der andere Cousine Sandra.
Sandra die Hexe. Sandra die falsche Schlange. Meine liebste Freundin Sandra, bis zu dem Tag, an dem sie ihr wahres Gesicht zeigte und mich bitterlich enttäuschte.
„Sssondrra“, sage ich. Teils, weil ich weiß, dass sie das hasst, teils, weil meine Zunge tut, was sie will.
„Oh, du bist da! Das ist so schön. Ich werde dir ja auch schreiben, aber ich dachte, ich sag's dir lieber selbst. Nicht dass du den Brief vielleicht nicht liest oder ihn irgendwie falsch verstehst und sauer bist und dann nicht kommst. Und ich warte und warte und niemand weiß, was los ist, und ob bei dir alles in Ordnung ist und du nur immer noch die Beleidigte spielst …“
Mir wird schwindlig, weil ich – wie ich nun merke – die Luft angehalten habe. Cousinchen Sandra hat sich offenbar nicht verändert.
„… und mich bestrafst und einfach wegbleibst. Du kommst doch, oder?“
„Hä?“
„Zu meiner Hochzeit, Dummchen! Du bist schließlich meine Trauzeugin. Ich hab ja so einen süßen Mann, den MUSST du kennenlernen, der ist so ein Lieber und so aufmerksam und dazu noch sooo sexy! Du wirst ihn mögen, das tun alle! Also, du kommst, ja? Bitte, bitte, bitte. Omi hat völlig recht, wir müssen uns wieder vertragen. Wie erwachsene Menschen. Und außerdem hab ich dir damals schon gesagt, dass es nur zu deinem Besten war, so wusstest du wenigstens, woran du warst. Ist doch besser, als es erst hinterher zu merken, nicht? Du kannst auch mitbringen, wen du willst. Hauptsache, du bist dabei.“
Als ich noch Übung mit ihr hatte, hat sie es nicht so leicht geschafft, mich in Grund und Boden zu reden.
Nein, will ich sie anschreien. Steck dir deine Hochzeit an den Hut, will ich kreischen, und deinen süßen Ehemann sonst wo hin.
Glücklicherweise ist meine Zunge gehandicapt, sodass mir Zeit bleibt, mir den Kommentar meiner Oma vorzustellen, die mich daran erinnern würde, dass man das Leben nehmen muss, wie es kommt.
Und natürlich höre ich meine Mutter: Jo-hanna! Jetzt stell dich nicht so an! Das ist inzwischen Monate her. Allmählich solltest du das überwunden haben. Und glaub bloß nicht, dass ich Lust habe, den ganzen Abend irgendwelche Ausreden zu erfinden, wenn ich gefragt werde, wieso du nicht da bist. Langsam wird es Zeit, dass du vernünftig …
„Isss ja gut“, presse ich durch die Zähne. „Ich komm ja, aber ich hab selbss einen Mann und der isss mindessens genauso …“
„Oh, ich liebe dich! Du bist ein Schatz! Du bist die Größte! Bring ihn auf jeden Fall mit. Ich bin ja schon so gespannt. Ach, und du! Ich hab ja so ein megascharfes Hochzeitskleid und die Brautjungfern werden so was von süß aussehen. Vergiss also mal deine praktischen Büroklamotten und brezle dich ein bisschen auf, ja? Tschaui, bis da-hann, ich freu mich!“
Ja, du mich auch, denke ich, während ich das stumme Telefon anstarre.
Ist das wirklich passiert?
„Ihr habt doch gehört, dass das Ding geklingelt hat, oder?“, frage ich Richtung Küche, wo Timo dabei ist, den Tisch abzuräumen, und Svea ihm zusieht.
„Was war denn?“, fragt sie. „Du warst ja so still.“
„Ich geh zu 'ner Hochzeit, Sandras Hochzeit.“
„Etwa die Sandra? Na, die traut sich ja was.“
Ich nicke, während mein Gehirn den Inhalt des Telefonats hochwürgt, um es wiederzukäuen. Ich habe zugesagt. Ich habe behauptet, einen Mann zu haben. Einen süßen Mann. Mehr oder weniger.
„Bist du sicher, dass du da wirklich hinwillst?“
Timo hat die Stirn in dicke Dackelfalten gelegt und sieht mich an, als könnte ich jeden Moment aus den Latschen kippen.
„Nein, aber ich muss. Ich soll nämlich ihre Trauzeugin sein. Und du kommst mit!“ Mein rechter Zeigefinger schießt auf ihn zu. „Und du“, ich schwenke um zu Svea, „musst mir deine schärfsten Klamotten leihen.“
„Auf keinen Fall!“
„Klaro.“
Es überrascht mich nicht, dass Timo sich sträubt. Doch dieses winzige Hindernis lässt sich problemlos beseitigen, zum Beispiel mit Tafelspitz und Grünem Veltliner.
„Ich finde nicht, dass du dir das antun solltest“, unternimmt er einen Versuch, mich umzustimmen.
„Klar sollte sie, schließlich war sie ja nicht diejenige, welche. Und immerhin sind es ihre Leute, die sind bestimmt froh, wenn alles sich wieder einrenkt.“ Svea klopft mir aufmunternd auf die Schulter. „Das schaffst du spielend. Zeig ihnen, dass du den Mistkerl abgehakt hast und dass deine dämliche Cousine dir nicht das Leben vermiesen kann.“
Meine Leute. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Tante Betti, Sandras Mutter, die mich ankeift, weil ich in meiner Wut ihren kleinen Liebling durchs Hotel gejagt habe. Dabei macht Sandra auch nackt eine gute Figur. Ich bin sicher, alle männlichen Gäste haben ihren Anblick genossen.
„Ja, genau! Ich w…werd's ihnen zeigen“, sage ich, nicht ganz Herrin meiner Zunge. „Dass es mir gar nichts ausmacht, nämlich. Dass ich großmütig bin und verzeihen kann, sogar so einer Hexe wie Sssondrra.“
Auf einmal fange ich an zu weinen, einfach so.
Svea und Timo tätscheln mir jeder eine Schulter, sehen sich an und verdrehen die Augen. Das ist mir jetzt auch egal und ich tue so, als würde ich es nicht bemerken.
„He, du musst das nicht machen“, sagt Timo. „Soll sie sich doch eine andere Trauzeugin suchen.“
Ich schniefe ein paar Mal, dann reiße ich mich zusammen. Timo hat recht. Ich kann es mir immer noch überlegen. Allerdings geht es ja nicht einfach nur um eine Einladung. Trauzeugin zu sein ist schließlich was Besonderes.
Als mir aufgeht, dass das auch einen Haufen Arbeit bedeutet, wird mir schlecht und ich könnte schon wieder heulen.

Am nächsten Morgen habe ich nicht einfach einen Kater, sondern eine ganze Katzenfamilie. So dauert es bis zum Nachmittag, bis ich mich aus dem Bett wälze und es schaffe, meine Gedanken einigermaßen in eine logische Reihenfolge zu bringen.
Habe ich wirklich zugesagt, auf Sandras Hochzeit die Trauzeugin zu machen? Nach reiflicher Überlegung komme ich zu dem Schluss, dass ja. Ich erinnere mich auch daran, dass ich Timo dazu verdonnert habe, mich zu begleiten, als mein süßer Mann, aber das war nur ein Reflex. Wenn ich Sandra beeindrucken will, brauche ich ein männlicheres, knackigeres, testosterongesteuerteres Exemplar dieser Spezies. Eins, das mehr hermacht.
Woher nehmen und nicht stehlen?
Du sagst es, Omi.
Wo soll ich so einen Kerl hernehmen, ohne dafür zu bezahlen?
Bezahlen, Callboy, Geld. Diese Logik ist zwingend, doch erstens kommt das für mich nicht infrage und zweitens habe ich kein Geld. Jedenfalls nicht für so was. Die Assoziation „Sandra“ folgt zwangsläufig auf Geld. Sie wird ein Hochzeitsgeschenk von mir erwarten, egal, ob ich nun hingehe oder nicht, und sie hat einen exklusiven, sprich teuren Geschmack.
Diesmal mischt nicht Omi, sondern meine Mutter sich in meine Gedanken: Beiß die Zähne zusammen und lass dich nicht lumpen. Du kriegst es sonst dein Leben lang aufs Brot geschmiert. Und du weißt ja, Freunde kann man sich aussuchen, Familie …
Wie wahr, wie wahr.
Ich beschließe, kalt zu duschen, ändere meine Meinung dann in lauwarm und schließlich in heiß. Während ich mich abschrubbe, lasse ich gedanklich die Möglichkeit zu, mich vor dieser Hochzeitsgeschichte zu drücken, egal, was meine Mutter, meine Tante, meine Oma und meine Cousine dazu sagen. Sollen sie doch denken, was sie wollen, ich habe das Recht wütend zu sein.
Als ich aus allen Poren dampfend in die Küche komme, finde ich auf der Ablage neben der Spüle meine Bücher in Küchenhandtücher gewickelt vor und auf dem Tisch eine Thermoskanne mit Kaffee.
„Ach, Timo.“ Ich seufze. „Du bist besser als jede Freundin.“ Er hat einen Schlüssel zu meiner Wohnung und ich einen zu seiner.
Ich gieße mir eine Tasse des belebenden Gebräus ein und gehe hinaus auf den kleinen Balkon vor der Küche. Ein Blick nach nebenan zeigt mir, dass bei Timo alle Fenster einschließlich der Balkontür geschlossen sind, was bedeutet, er ist unterwegs. Also fläze ich mich in meinen Liegestuhl und lasse meine Gedanken schweifen. Zu ernsthafter Denkarbeit bin ich noch nicht in der Lage, daher verweilen sie bei Timo,
Eine Zeit lang dachte ich, er hätte überhaupt keine Frauengeschichten, weil er nie irgendwelche Dates hatte. Jedenfalls nicht, während wir zusammen studierten, soweit ich das mitbekommen habe. Tatsächlich gab es mal eine Katharina und vermutlich eine Sabine. Hat aber offensichtlich nicht hingehauen. Ich habe keine von ihnen kennengelernt und von beiden eher zufällig erfahren. Timo ist nicht so mitteilsam wie ich.
Meine Katastrophen dagegen kennt er alle, natürlich auch die, die dazu geführt hat, dass ich praktisch über Nacht aus Hamburg geflüchtet bin. Er hatte im Jahr davor einen Job in Berlin angenommen, und als ich nach dem großen Reinfall bei ihm anrief, damit er mich tröstete, schlug er vor, das Drama hinter mir zu lassen, neu anzufangen und in die Wohnung neben seiner zu ziehen. Ich zögerte nicht eine Sekunde. Dass diese Wohnung ihm gehört, erfuhr ich erst, als ich den Mietvertrag unterschrieb.
Nach zwei weiteren Tassen Kaffee fühle ich mich gestärkt genug, mich den Anforderungen der Realität zu stellen und meinen Kleiderschrank zu inspizieren. Falls ich mich entschließen sollte, tatsächlich zu Kreuze zu kriechen, dann wenigstens durchgestylt und sexy.
Nachdem ich sämtliche Sommersachen herausgewühlt und auf dem Bett, der Kommode und dem Sessel in meinem Schlafzimmer verteilt habe, weiß ich, was schon vorher kein Geheimnis war. Ich besitze kein Abendkleid, das sich für einen Hochzeitsempfang eignet. Korrekt gesagt, ich besitze überhaupt kein Kleid, das die Bezeichnung Abendkleid verdient.
Und noch was wird mir klar. Ich habe keinen Schimmer, was ich alles brauche. Reisekleidung, ja. Etwas für die Trauung, logisch. Aber sonst? Wann werde ich anreisen müssen, welche Feierlichkeiten, abgesehen von der eigentlichen Hochzeit, werde ich durchzustehen haben? Sandra liebt Rüschen, High Heels und Designermodelle. Da muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Ein unbestreitbares Indiz: Es gibt Brautjungfern, Plural, die in ihren Kleidern „so was von süß“ aussehen werden. Schlussfolgerung: eine Feier mit allem Pipapo.
Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich in der kommenden Woche nach Feierabend mal in ein paar Boutiquen umzusehen. Wichtigere Aktion, weil schwieriger, meine männliche Begleitung. Gedanklich gehe ich meine Männerbekanntschaften durch, aktuelle und verflossene. Aktuelle gibt es keine, jedenfalls niemanden, der die Sympathie- und Erotikfaktoren von George Clooney, Brad Pitt und Bradley Cooper in sich vereint. Wobei, einer der drei würde vollauf genügen. Mein Kollege Boldt kommt Clooney noch am nächsten und Small Talk ist sein am stärksten ausgeprägtes Talent, aber eher würde ich mit Zwerg Nase auftauchen, als ihn zu fragen.
Aufstöhnend lasse ich mich auf die einzige freie Stelle des Bettes fallen, angle mein Handy vom Nachttisch und scrolle die Einträge unter „Kontakte“ durch.
Andi wäre eine Möglichkeit, ein Typ, den ich im Fitnessstudio häufig treffe. Er sieht athletisch aus, hat eine angenehme Stimme und scheint ganz okay zu sein. Wir haben ein paar Mal was zusammen getrunken, so richtig gefunkt hat es aber nicht.
Der Nächste in meiner Adressliste, der infrage käme, wäre Dirk. Dirk ist allerdings Vollblutvolleyballer, das heißt, er spielt jedes Wochenende und Training darf er auch keins verpassen. Den kann ich vergessen. Außerdem haben wir uns schon seit Wochen nicht mehr gesehen, der Mensch hat nie Zeit, wenn es sich nicht um Volleyball dreht.
Finn ist zwar nett, macht aber garantiert keine gute Figur im Smoking, da wäre Timo auf jeden Fall die bessere Wahl.
Stefan reißt dauernd peinliche Witze und Hendrik ist scharf auf Svea, der geht niemals mit mir irgendwohin und tut so, als wären wir zusammen. Bliebe noch Uli, doch wenn ich den frage, denkt er, er hat Chancen bei mir, und das möchte ich ganz bestimmt nicht. Also alles Datenmüll. Männer und ich sind nicht sonderlich kompatibel, scheint mir.
Wenn ich einen Begleiter präsentieren will, mit dem sich was hermachen lässt, werde ich einen kennenlernen müssen. Um das zu tun, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich ins Nachtleben zu stürzen. Ich wähle Sveas Nummer, erreiche jedoch nur die Mailbox. Nach einer Weile fällt mir ein, dass sie dieses Wochenende bei ihrer Schwester ist. Die hat Zwillinge bekommen und Svea hat ihr versprochen ihr zu helfen, damit die gestresste Mutter mal wieder in Ruhe duschen und ausschlafen kann. Also müsste ich alleine losziehen. Timo will ich nicht auf Männerfang mitnehmen.
Auf der Suche nach dem passenden Outfit für diese Aktion werfe ich einen Blick auf das Kleiderchaos, gehe gedanklich mögliche Lokalitäten durch und verliere mehr und mehr die Lust.
Ich räume genervt alles wieder ein, wobei ich die Stücke, die ich auf der Fahrt anziehen könnte, und die, die ich vielleicht sonst wie brauche, zusammenhänge. Anschließend inspiziere ich den Kühlschrank. Erst, als ich die Kurzwahltaste schon gedrückt habe, merke ich, dass ich dabei bin, Timo anzurufen.
Er meldet sich nach dem dritten Klingeln und wir beschließen, unsere Kühlschrankinhalte zusammenzuschmeißen und einigen uns auf Pellkartoffeln mit Sour creme und Krabben, abgerundet mit einem kühlen Bier.
Wir kochen zusammen und nach dem Essen liefern wir uns Duelle mit „Pinball“ auf einer alten Spielekonsole, die Timo hätschelt wie andere Leute ihren Mercedes S-Klasse.
Früher – wenn man Timo zuhört, muss das so ungefähr fünf Minuten nach der Steinzeit gewesen sein – nannte man dieses Spiel „Flipper“. Man musste in verqualmte Kneipen gehen und Hebel an wuchtigen Kästen betätigen, um zu erreichen, dass die Kugel möglichst spät nach vielen Umwegen und über diverse Hindernisse unten in das Loch plumpste, womit das Spiel beendet war. Heute genügen zwei flinke Daumen, die auf kleine Tasten drücken.
Ich schlage ihn ein paar Mal, aber natürlich gewinnt er öfter als ich, was kein Wunder ist, er hat mir Jahre an Übung voraus. Um die Sache für uns beide interessanter zu gestalten, hat er irgendwann mal eine Art Umrechenschlüssel ausgetüftelt, ähnlich wie beim Golf das Handicap. Am Schluss stehe ich trotzdem als Verliererin des Abends da.
Normalerweise macht mir das nichts aus, doch heute bin ich deprimiert. Eigentlich wegen allem, aber hauptsächlich wegen Sandras Hochzeit und wegen des eklatanten Mangels an aufregenden Männern in meinem Umfeld.
„Einen Film?“, fragt Timo und geht seine DVD-Sammlung durch.
Ich will schon ablehnen, da hält er „Jenseits von Afrika“ hoch und wedelt damit herum.
„He! Wie kommst du jetzt ausgerechnet darauf?“ Das ist nicht gerade sein Lieblingsfilm. Er steht mehr auf Science-Fiction und Geheimdienstserien.
Timo lächelt verschmitzt und sagt: „Das sehe ich dir an der Nasenspitze an. Du bist in dieser Stimmung.“
„In welcher Stimmung?“
„Bisschen melancholisch, bisschen traurig und ein fetter Schuss Sehnsucht.“
„Ach. Und das siehst du an meiner Nasenspitze?“
„Klar. Und an deinem verschleierten Blick und nicht zu vergessen an all den ungeseufzten Seufzern, die ich in der letzten Viertelstunde gezählt habe.“
Unglaublich, wie gut der Kerl mich kennt.
Da er es freiwillig anbietet, lasse ich mir die Gelegenheit nicht entgehen. Eigentlich ist „Jenseits von Afrika“ schon ein ziemlich alter Schinken, aber meine Mutter sieht sich den ständig an, und wenn ich sie besuche, komme ich nicht darum herum, ihn mit anzuschauen. Und das ist gut, denn er ist superromantisch. Eine Dänin, Karen Blixen, kommt neunzehnhundertdreizehn nach Afrika, um eine Kaffeeplantage zu betreiben, und verliebt sich dort in den englischen Großwildjäger und Buschpiloten Denys Finch Hatton. Leider geht es ganz und gar nicht gut aus.
Am besten gefällt mir die Szene, in der die beiden im Busch unterwegs sind. Er hat sogar dafür gesorgt, dass sie ein weißes Tischtuch dabeihaben, Kristallgläser und ein Grammofon, das per Hand aufgezogen wird, sodass sie in der Savanne unter einem grandiosen Sternenhimmel zu schnulziger Musik tanzen können. Um das Maß an Romantik vollzumachen, gibt es eine Einstellung, in der er ihr dann auch noch die Haare wäscht. Seufz.
Bei dieser Szene schniefe ich wie üblich heimlich, und weil Timo wissend grinst, bekommt er einen Knuff. Das hält ihn aber nicht davon ab, mir eine Packung Papiertücher hinzuhalten.
Ignoranter Barbar.

2

Sexy Klamotten sehen am besten an sexy Körpern aus, je nach individuellem Geschmack zwar, aber dennoch. Da ich befürchte, in Sveas Teilen wie Presswurst im Naturdarm rüberzukommen, beiße ich die Zähne zusammen und raffe mich auf, als mein Handy mich mit Meeresrauschen und Möwengekreische weckt. Ich steige in Shorts, T-Shirt und Laufschuhe, stopfe mir Geld und den Hausschlüssel in die Gesäßtasche meiner Shorts und bin aus der Wohnung, bevor ich Zeit habe, darüber nachzudenken, ob es denn wirklich nötig ist, sich das an einem Sonntagmorgen anzutun. Ich kenne mich.
Draußen atme ich ein paar Mal tief durch, wende mich nach links und biege nach gut dreihundert Metern in die Mendelstraße ein. Die laufe ich bis an deren Ende und ab in den Schlosspark. Meine übliche Route führt über den Spielplatz zur Brücke über das Flüsschen Panke und an der Kleingartenanlage vorbei. Ich folge dem Bogen entlang der Gartenmauer des Schönhauser Schlosses, überquere erneut die Panke, halte mich links und sprinte zurück bis zum Spielplatz. Kurz zögere ich, dann ziehe ich meinem inneren Schweinehund eine lange Nase und nehme die nächste Runde in Angriff.
Die gehe ich langsamer an als die zuvor und verfalle allmählich in den Trott, bei dem ich aufhöre, bewusst zu denken.
Die bevorstehende Hochzeit geistert durch meinen Kopf. Ich werde also hingehen und das erste Zusammentreffen mit der weitverzweigten Sippschaft nach meinem persönlichen Super-GAU hinter mich bringen. Ich schaffe das, sage ich mir, als leise Zweifel sich melden wollen. Kein Grund zur Panik.
Es wird außerdem mein erstes Treffen seit fast acht Monaten mit meiner Cousine.
Unsere Mütter sind Schwestern und wohnen nicht weit auseinander. Sandra und ich waren auf derselben Schule, wenn auch in Parallelklassen, und verbrachten so gut wie alle Schulferien und diverse Wochenenden zusammen. Dicke Freundinnen, bis es mit Jungs losging, da zogen die ersten Wolken am Freundschaftshimmel auf. Wir haben einfach einen zu ähnlichen Geschmack und schwärmen immer für dieselben Typen.
Als ich die Mauer zum Schlossgelände zum dritten Mal auf meiner Rechten habe, bin ich so weit, mich mit der Vergangenheit auszusöhnen.
Sandra ist Familie und wird es bis ans Ende meiner Tage bleiben. Keine Chance, ihr für ewig aus dem Weg zu gehen. Sie hat zwar die schändlichste aller Sünden unter Freundinnen begangen, doch ich bin bereit, ihr diesen Fehler zu verzeihen und zu vergessen.
Fünfhundert Meter weiter beschließe ich, ein Zeichen zu setzten. Ich werde ihr ein Hochzeitsgeschenk machen, das sie nur von mir bekommen kann.
Klar muss ich trotzdem noch einen Haufen Geld für einen Gutschein aus dem Kaufhaus ihrer Wahl hinblättern, schon um nicht als knickerig dazustehen, aber außerdem bekommt sie etwas ganz persönliches: schöne Erinnerungen an unsere gemeinsame Kindheit.
Am deutlichsten sehe ich unsere Pyjamapartys vor mir. So nannten wir es, wenn wir zusammen übernachteten. Meistens kuschelten wir uns beide in ein Bett und quatschten, bis uns die Augen zufielen, oder wir hörten Kassetten. Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen, die Geschichten von Enid Blyten und immer wieder Die drei Fragezeichen.
Direkt nach dem Abi haben wir in einem Anfall von Wahnsinn alle Kassetten und etliche Barbiepuppen, die heute als Sammlerobjekte vermutlich ein Vermögen wert wären, in den Müll geworfen, um zu demonstrieren, wie erwachsen wir waren. Es brach mir praktisch sofort das Herz, doch ich wollte vor Sandra nicht als Baby dastehen. Deshalb harrte ich tapfer neben ihr aus und sah mit an, wie der Inhalt der Mülltonne in einem orangeroten Müllwagen verschwand. Am Nachmittag, als Sandra weg war, legte ich mich mit Bauchschmerzen ins Bett und heulte. Offiziell aus Trauer um das Ende meiner Kindheit, heimlich, weil ich meine Freunde Justus, Peter und Bob verloren hatte, die Helden aus Die drei Fragezeichen.
Da Sandra später auf der Abi-Party verkündete, diese Aktion sei zwar nur ein kleiner Schritt für die Menschheit gewesen, aber ein großer Schritt auf unserem Weg zur Karrierefrau, stimmte ich natürlich zu und tat begeistert und erwachsen. Doch während die anderen uns auf die Schulter klopften und uns beglückwünschten, überlegte ich fieberhaft, wie ich wenigstens die Drei-Fragezeichen-Kassetten wiederbekommen konnte. So wurde ich zur Expertin für Flohmärkte, allerdings mit einem stark fokussierten Blick.
Abgesehen von den Barbies, die mich nicht interessieren, habe ich viele dieser Schätze inzwischen wieder zusammen und die Drei-Fragezeichen-Serie komplett. Natürlich die alten Aufnahmen mit den Stimmen von damals. Klar gebe ich die nie mehr aus der Hand, schon gar nicht für Sandra. Aber ich kann sie für sie digitalisieren, sie in MP3-Dateien umwandeln und sie ihr schenken, für den Fall, dass sie mal ohne ihren supersüßen Ehemann einschlafen muss. Dann kann sie sie wie in alten Zeiten hören.
Das heißt, Timo wird das für mich übernehmen müssen, da ich weder über das notwendige Know-how noch über das erforderliche Equipment verfüge.
Offenbar war meinen Beinen das lange vor mit klar, denn als ich jetzt aufblicke, stellte ich fest, dass ich bereits die Ossietzkytraße entlangtrabe und auf dem Weg zur Bäckerei und Konditorei Wilhelm in der Kissingstraße bin. Weil es angeblich nur da „den echten und einzigen Mohnzopf ever“ gibt. Timos Worte, nicht meine. Ein Riesenumweg, aber was tut man nicht alles, um seine Freunde glücklich zu machen.
Es dauert ewig, bis ich dran bin, und als ich mit besagtem Mohnzopf schließlich bei Timo auftauche, zeigt der mir einen Vogel.
„Das reicht nie und nimmer, um mich zu bestechen, damit ich mit dir auf diese Hochzeit gehe. Abgesehen davon, dass ich nicht bestechlich bin.“
Na ja, ich weiß ja nicht, was er zu Rehrücken und selbst gerollten Schupfnudeln sagen würde, will dieses Thema aber nicht auswalzen.
„Es geht gar nicht um die Hochzeit. War nicht ernst gemeint gestern, dass du als mein Begleiter mit sollst, sorry.“ Ich erkläre ihm meine wunderbare Idee für Sandras Hochzeitsgeschenk, und natürlich blockt er erst mal ab und argumentiert, das dauere Stunden. Da ich diese MP3-Dateien jedoch unbedingt haben will, fangen wir an zu feilschen, was damit endet, dass ich im Gegenzug seinen Vierzehntagesvorrat Hemden bügeln muss.
Nachdem ich meine Kassetten angeschleppt habe und Timo an seinen Hightech-Geräten hantiert, baue ich das Bügelbrett in seinem Wohnzimmer auf und beginne den Kampf gegen Knitter und Falten. Nebenbei sehen wir „Galaxy Quest“, eine Persiflage auf „Star Trek“, ich glaube, zum fünften oder sechsten Mal, und genießen die Eifersüchteleien innerhalb der abgewrackten Crew.
„Na gut, meinetwegen“, sagt Timo unvermittelt, während auf dem Bildschirm Commander Peter Quincy Taggart im Bauch des Raumschiffs der Thermianer stampfenden Riesenhämmern ausweicht, auf dem Weg zum Omega 13, den es zu aktivieren gilt. Die einzige Möglichkeit, sein Leben, das Leben seiner Crewmitglieder und das der Thermianer zu retten. „Ich mach’s“.
Ich brauche einen Moment, bis mir klar wird, dass er mit mir spricht und eine Antwort erwartet.
„Was machst du?“
„Wenn du unbedingt willst, dass ich deinen Begleiter gebe, kann ich ja versuchen, ob ich das mit der Hochzeit einrichten kann.“
„Nee, lass mal. War 'ne blöde Idee.“
Eine Zeit lang werkeln wir weiter, dann fragt er: „Geht jemand anders mit?“
„Weiß noch nicht.“ Ich kämpfe gerade mit einer verkrumpelten Manschette und muss mich konzentrieren. Wieder vergeht eine Weile.
„Hast du schon jemanden oder suchst du noch“, kommt es von ihm.
„Ich hab mich bisher nicht entschieden, ob ich suchen soll oder nicht.“ Winzige, unbedeutende Notlügen, um Menschen zu schonen, an denen mir was liegt, sind erlaubt. Jedenfalls in meinem Universum.
„Wie gesagt, wenn dir das mit der Begleitung so wichtig ist …“
„Nö, ist es nicht.“ Solange die MP3-Dateien nicht fertig sind, halte ich es nicht für ratsam, ihm zu sagen, dass ich bei diesem Ereignis einen machohafteren Mann als ihn an meiner Seite haben will.

Die neue Woche fängt mies an. Ich bin lustlos und schlapp und der Rücken tut mir weh, und nun, wo es zu spät ist, fällt mir ein, dass ich mich beim Bügeln hätte hinsetzen sollen. Außerdem bin ich müde.
Als ich um halb acht morgens aus dem Haus trete, merke ich, dass es nieselt. Einen Schirm habe ich natürlich nicht dabei, deshalb ziehe ich den Kopf ein und trabe los Richtung S-Bahn.
Erst, als ich die Station betrete, und der Typ, der die ganze Zeit vor mir gegangen ist, die Kapuze seiner Regenjacke abstreift, erkenne ich, dass es sich bei ihm um das Objekt meiner Begierde handelt. Mein heimlicher Schwarm und hoffentlich der Mann an meiner Seite, wenn ich Sandra auf ihrer Hochzeitsfeier gegenüberstehe.
Heimlich, weil ich es bisher niemandem gegenüber erwähnt habe, denn für ihn bin ich unsichtbar. Wirklich. Dabei wohnt er im selben Block wie ich, nur einen Eingang weiter links. Ginge ich nicht immer rechtzeitig aus dem Weg, wenn wir uns begegnen, würde er mich glatt über den Haufen rennen.
Er ist vor knapp einem Monat eingezogen. Seitdem versuche ich, ihn auf mich aufmerksam zu machen. Leider geht keins meiner Wohnungsfenster nach vorne zur Straße raus. Ich meine, eigentlich ist das ja gut, kein Lärm und so, aber in diesem Fall wäre es anders besser. Denn dann könnte ich mich auf die Lauer legen und nach unten sprinten, sobald er das Haus verlässt. So würden wir uns viel öfter begegnen, was sich zwangsläufig positiv auswirken müsste. Nehme ich zumindest an. Was das Kennenlernen angeht, meine ich.
Ich schüttele die Feuchtigkeit ab, während ich hinter ihm die Treppe hochrenne. Die Bahn kommt gerade und ich steige in denselben Wagen wie er und stelle mich ihm gegenüber an die Tür. Das ist mir bisher noch nie gelungen.
Endlich habe ich Muße, ihn ganz in Ruhe zu betrachten. Er ist groß, sportlich gebaut, kantiges Gesicht, dunkelblonde Haare und braune Augen. Macht sich gut. Gekleidet ist er leger, daher vermutlich kein Banker oder sonst ein Job für Schlipsträger. Ein weites Feld also, es hat keinen Zweck zu spekulieren. Besser, ich nutze die einmalige Gelegenheit, ihm meine Existenz bewusst zu machen.
Ich ziehe alle Register, starre ihn direkt an, räuspere mich, hüstele, bewege mich und schaue durch die Scheiben der Tür nach draußen, sehe ihn wieder an, doch nichts.
Obwohl ich kein Winzling bin, schaut er über mich hinweg, als wäre ich ein leerer Fleck oder er in einem anderen Universum. Es ist wie verhext. Alle Umstehenden verziehen schon genervt das Gesicht und runzeln missbilligend die Stirn, nur mein Nachbar kriegt nichts mit, weil er offenbar in höheren Sphären schwebt. Als er an der Station Gesundbrunnen aussteigt, sehe ich, dass er einen Knopf im Ohr hat. Das tröstet mich, offensichtlich befindet er sich tatsächlich in einem anderen Universum, zumindest gedanklich.
Der Tag schleppt sich hin, die ständigen Hintergrundgeräusche in dem großen Raum – Gemurmel, Telefongebimmel, Geklapper und Gescharre – gehen mir auf die Nerven. Kollege Boldt ist dabei, sein neues altes Büro umzugestalten und nervt zusätzlich mit seinen Erfolgsmeldungen, die er verbreitet wie andere Leute ihre Grippeviren. Wie es scheint, hat er es mit der Arbeit nicht eilig.
Einziger Lichtblick ist eine SMS von Svea. Ich habe ihr noch gestern Nacht geschrieben, dass ich wild entschlossen bin, die Hochzeitssache durchzuziehen. Wir verabreden uns nach Feierabend zu einer Erkundungstour in Sachen Abendkleider. Da ich wenig Zeit habe, Boldt hat mir freundlich lächelnd alle unsere alten gemeinsamen Vorgänge auf den Schreibtisch gelegt, weil er ja nun nicht mehr dafür zuständig ist, bietet Svea an, schon mal infrage kommende Geschäfte rauszusuchen.
Als es so weit ist, stelle ich fest, dass die alle in Mitte sind und dementsprechend heftig, was die Preise angeht. Ich will die Geschichte canceln, doch das lässt Svea nicht zu. Also wühle ich in Satin, Chiffon und was weiß ich noch für Stoffen und mache mir fleißig Notizen über Farbe und Schnitt. Gekauft wird erst, wenn wir alle Häuser, die Svea eingefallen sind, durchhaben, bestimmt sie. Prost Mahlzeit. Dafür brauchen wir Tage.
So vergeht die Woche und am Donnerstagabend habe ich gefühlt eine Million Kleider anprobiert, ohne eins gesehen zu haben, das mir auf Anhieb gefällt. Wenn der Schnitt mal gut war, war garantiert die Farbe untragbar und umgekehrt.
Außerdem haben wir uns an zwei Abenden auf einen Drink mit jeweils einem anderen Mann getroffen. Bekannte oder Kollegen von Svea, von denen sie meinte, sie könnten zu mir passen, weil ich mich bis jetzt noch nicht getraut habe, ihr was von meinem Wunschkandidaten aus dem Hauseingang nebenan zu sagen. Gefunkt hat es bei keinem der beiden, also pure Zeitverschwendung. Langsam verliert glücklicherweise auch Svea die Lust.
Als wir gegen acht Uhr abends in Pankow aus der Bahn steigen und Richtung Breite Straße gehen, gebe ich mir einen Ruck und erzähle ihr von meinem schnuckeligen Nachbarn, den ich mir gut als Begleiter auf der Hochzeit vorstellen könnte. Und ich schildere ihr meine diversen erfolglosen Versuche, in sein Blickfeld zu geraten.
Hätte ich das bloß schon eher getan, denn natürlich hat sie gleich eine Idee, wie wir ihm uns unauffällig nähern können. Als unsere Heimwege sich trennen, steht ein Schlachtplan für den nächsten Abend, an dem wir die Aktion in Angriff nehmen werden. Schließlich muss ich ihn nach dem Kennenlernen ja auch noch davon überzeugen, dass es eine große Auszeichnung für ihn ist, wenn ich ihn zur Hochzeit meiner Cousine mitnehme.
Zu Hause angekommen leere ich den Briefkasten unten im Treppenhaus und finde neben nerviger Werbepost, solche Sachen, wie wir sie unseren Kunden zu verschicken empfehlen, endlich den Brief von Sandra.
In der Küche auf dem Tisch liegt eine Nachricht von Timo: Bin im Fluffy, komm nach, wenn du Lust hast.
Das Fluffy ist eine Kneipe und im Hinterzimmer oder besser, im Hintersaal gibt es ein paar Billardtische. Timo ist oft da und ab und zu gehe ich mit. Allerdings bin ich im Billard eine Niete, was ihn aber nicht stört. Manchmal bin ich wirklich erstaunt, wie geduldig dieser Mann ist.
Ich werfe die Werbeprospekte weg und reiße Sandras Brief auf. Eine Einladung auf Büttenpapier. Natürlich Golddruck. Das wurde auch allmählich Zeit, da die Feier schon am übernächsten Wochenende startet. Dank meiner Mutter weiß ich das längst und bin über alle Feinheiten bestens im Bilde. Jedenfalls so weit, wie Tante Betti, die Schwester meiner Mutter, ihres Zeichens Mutter von Sandra, damit herausgerückt ist. Sie haben das Himmelsschlösschen gemietet, einen Jugendstilkomplex mit Übernachtungsmöglichkeiten irgendwo auf dem Land zwischen Pinneberg und Halstenbek, Vororten von Hamburg.
Wie ich auf der Einladung sehe, feiern Sandra und ihr Micha auch den Polterabend dort. Nobel, nobel. Außerdem entnehme ich der Notiz, die meine Cousine für mich angeheftet hat, dass sie mir ein Hotelzimmer reserviert und dass ich am Freitag möglichst schon nachmittags kommen soll, nicht erst am Abend zur Polterabendfeier. Begründung: Ich habe ein super, super, super süßes Kleid für dich organisiert. Meine Trauzeugin muss auf jeden Fall optisch zu den Brautjungfern passen, das verstehst du sicher. Ich meine, wie sähen sonst die Fotos aus? Deine Größe weiß ich von Lissi (das ist meine Mutter), falls was geändert werden muss, schickt der Laden uns eine Schneiderin. Deshalb ist es wichtig, dass du rechtzeitig da bist. Ich verrate nichts, nur so viel, das (hier folgt ein Link) sind die Schuhe, die perfekt dazu wären. Und keine Sorge, Madam Praktisch, ich habe extra auf den Preis geachtet. Außerdem sind Schuhe eine Anschaffung fürs Leben, vergiss das nicht. Du wirst begeistert sein! Und überhaupt …
So schwärmerisch geht es noch eine ganze Weile weiter. Die liebe Sandra hat also ein Kleid für mich besorgt. Einfach so, ohne mich zu fragen, und über meinen Kopf hinweg. Typisch, sie war schon immer eine Bestimmerin. Der Gedanke an ihre Vorliebe für Verspieltes bereitet mir Bauchgrimmen. Wir verlieben uns zwar in dieselben Männer, aber was Klamotten angeht, liegen Welten zwischen ihrem und meinem Geschmack.
Es ist ihre Hochzeit und nicht deine. Da kannst du ruhig mal über deinen Schatten springen, Johanna. Außerdem liegt Betti mir sonst ständig damit in den Ohren.
Ich höre meine Mutter, als würde sie neben mir stehen, und füge mich, denn es stimmt. Tante Betti würde bis in alle Ewigkeit darauf herumreiten, sollte ich mich querstellen. Einen tröstenden Gedanken gibt es wenigstens, ich kann immer sagen, „das hat die Braut ausgesucht“, wenn jemand mich schräg ansieht, weil ich wie eine Riesenbarbie im Tüllrausch daherkomme. Außerdem soll man ja positiv denken und einen Vorteil hat Sandras Eigenmächtigkeit. Ich kann aufhören, durch die Stadt zu rennen und in Abendkleidern zu wühlen. Ich vermute mal, Svea wird auch erleichtert sein.
Eine echte gute Nachricht gibt es immerhin. Sandra hat schon alles organisiert, was zu organisieren ist. Ihre Begründung: Ich schätze, das bin ich dir schuldig, Hannilein. Mein Verdacht: Sie will sichergehen, dass wirklich alles so läuft, wie sie es haben will. Aber egal, soll mir nur recht sein. Und einen Jungesellinnenabschied gibt es auch nicht. Wäre wohl in Anbetracht der Umstände etwas peinlich, schreibt sie. Peinlich? Eine Frechheit wäre das! Und den hätte ich auf gar keinen Fall organisiert, das hat meine liebe Cousine ganz richtig erkannt.
Mein Blick fällt auf den Link und die Worte „Madam Praktisch“. Damit hat Sandra leider recht. Ich neige dazu, praktisch zu denken, wenn es ums Geldausgeben geht. Shoppen ist nicht mein Ding. Einen Moment zögere ich, dann zücke ich mein Smartphone. Sekunden später habe ich die Produktbeschreibung der Schuhe vor mir: Beim Anblick dieser Sandalette entfährt uns spontan ein „Oh my GOSH!“ Der elegante High Heel in Metallic-Optik bezaubert uns mit filigranen Riemchen, eleganten Rundungen und femininem Design.
Ich scrolle tiefer, bis ich das Foto auf dem Display habe. Gerade soeben verkneife ich mir das „Oh my GOSH!“, indem ich mir auf die Lippen beiße. Schon aus Prinzip. Diese Treter sind der Hammer! Ein schmales Riemchen knapp über den Zehen und eins, das sich elegant geschwungen von der Außenseite über den Spann nach innen bis zur geschlossenen Ferse zieht, und um die Knöchel ein zierlicher Riemchenverschluss. Das Ganze auf einer anderthalb Zentimeter dünnen Plateausohle und einem Elf-Zentimeter-Absatz. Sünde pur!
Okay, ich revidiere meine Aussage: Was Klamotten angeht, laufen Sandra und ich nicht synchron, doch bei Schuhen liegen wir voll auf einer Linie. Ich atme tief durch und fahnde nach dem Preis für diese Prachtstücke. Noch eine Überraschung, sie sind zwar nicht billig, aber erschwinglich. Sandra hat offenbar ein schlechtes Gewissen. Ich stelle fest, wo in unserer wunderschönen Hauptstadt diese Exemplare angeboten werden, und notiere mir zwei Adressen, die ich bequem nach der Arbeit ansteuern kann.
Nach so viel Entscheidungsfreude sinke ich ermattet aufs Sofa und zappe mich durch die Fernsehkanäle. Timo kann sich auch mal einen Abend ohne mich amüsieren.

Am Freitagabend platzen Svea und ich in voller Montur bei Timo rein: knackenge Minis, nicht gerade High Heels, jedenfalls ich nicht, aber schon was Edles mit Absatz, vorteilhafte, sprich eng anliegende Tops, Eyeliner, Rouge, Lippenstift … Was uns halt so unter die Finger geraten ist.
Timo zieht irritiert die Augenbrauen hoch, als er uns so sieht, und sagt: „Ein Zettel auf eurer Stirn mit dem Hinweis, bin zu haben, wäre unauffälliger.“ Er schüttelt den Kopf. „Gebt mir zehn Minuten, damit ich mich auch verkleiden kann. Soll ich euren Zuhälter geben oder hättet ihr mich lieber als Sugardaddy?“
„Du nicht“, schmettert Svea ihn gnadenlos ab. „Heute ist Mädelsabend.“
Als er mich daraufhin mit seinem Golden-Retriever-Blick anschaut, schwanke ich einen Moment, Svea stürmt jedoch schon ins Bad und reißt das Fenster auf. Es ist das einzige, das zur Straße raus liegt.
„Los, komm. Wir wollen ihn doch nicht verpassen“, zitiert sie mich zu sich und ich zucke mit den Achseln und folge ihr.
Nach einer Stunde sitze ich immer noch da, starre nach draußen und bin allmählich bereit, den Gedanken zuzulassen, dass D. Reinartz vielleicht nicht auftaucht.
Dummerweise ist der Vorname meines Schwarms auf dem Klingelschild nicht ausgeschrieben. Ich habe es sogar einmal geschafft, mit in den Flur zu schlüpfen, als einer der Mieter nebenan nach Hause kam. Leider hatte „Reinartz“ keine Post in seinem Briefkasten, sodass ich nichts Näheres erfahren konnte. Zwar habe ich mich so lange es ging da rumgedrückt, in der Hoffnung, er würde auftauchen, aber schließlich musste ich aufgeben. Die Gefahr, dass ich in der Nachbarschaft in Verruf gerate, herumzuspionieren oder Post aus den Kästen zu klauen, war mir dann doch zu groß.
Vielleicht bleibt er gemütlich zu Hause und legt die Füße hoch, denke ich irgendwann und reibe mir den steifen Nacken. Ich war extra unten und habe mich davon überzeugt, dass bei ihm Licht brennt.
Inzwischen hat Timo, der mit Svea „Pinnball“ spielt, während ich mir den Hals verrenke, uns die Einzelheiten unseres Plans aus der Nase gezogen. Natürlich erklärt er ihn für schwachsinnig, und natürlich bietet er brav noch einmal an, es einzurichten, dass er mich zur Hochzeit begleiten kann, wenn es mir so wichtig ist.
Bevor ich dazu komme, was zu sagen, meint Svea: „Jetzt hör auf, sie dauernd zu bemuttern. Sie muss endlich erwachsen werden und ohne ihre Mami unter Menschen gehen, sonst kriegt sie nie einen Mann ab.“
Ich sehe Timo an und verdrehe die Augen, doch er findet es wohl nicht lustig, denn kurz darauf verabschiedet er sich und geht ins Fluffy. Ich bin froh, nicht mehr so unter Beobachtung zu stehen. Eine weitere halbe Stunde vergeht und langsam bekomme ich Rückenschmerzen, weil ich so verrenkt sitzen muss, um etwas sehen zu können. Dann wird unsere Geduld endlich belohnt. D. kommt aus dem Haus und schlendert unter mir vorbei.
Svea und ich stürmen wie zwei Maschinengewehrsalven durchs Treppenhaus – Pfennigabsätze auf Granitboden in hallenden Räumen sind das Letzte – und geh-rennen ihm hinterher. Es ist ein Eiertanz in vielerlei Hinsicht. Die Lücken zwischen den Pflastersteinen sind mitunter mordsmäßig. Und natürlich dürfen wir ihn nicht aus den Augen verlieren, ihm aber auch nicht zu dicht auf den Pelz rücken. Im Gegensatz zu uns trägt er ordentliches Schuhwerk, sodass wir vermutlich wie zwei aufgescheuchte Hennen aussehen, die ihrem Hahn hinterherflattern.
Kein schönes Bild. Dazu könnten wir uns jeden Moment noch die Füße brechen. Das allerdings ist nicht die schlechteste Option, wird mir klar, denn dann müsste er mich retten und mich ins nächste Krankenhaus tragen und wir würden uns tief in die Augen sehen. Und er würde erkennen, was für ein elfengleiches Wesen ich bin und würde mit mir in den Sonnenuntergang reiten.
Ein Lichtblick. Er hat die Tram-Station erreicht und bleibt stehen. Wir hoppeln ihm nach und warten ebenfalls. Statt uns zu bemerken, wendet er sich ab und palavert in sein Handy.
Spielt er womöglich nicht mit Mädchen? Dieser Gedanke erschreckt mich dermaßen, dass ich losfiepe. Der Kopf meiner Freundin ruckt zu mir herum. Schnell tue ich so, als wäre einer meiner Absätze zwischen zwei Pflastersteine geraten, damit ich Svea nichts erklären muss. Warum fabriziere ich bloß immer solche Überreaktionen? Bis jetzt habe ich noch nicht ein einziges Wort mit ihm gewechselt, der Typ könnte ein Armleuchter sein.
Als die Tram kommt, telefoniert er ungerührt weiter, ohne den Rest der Welt zu beachten. Wir fahren bis zur Schönhauser Allee, wo er aussteigt und in Riesenschritten losstürmt. Svea und ich hinterher. Meine gehetzt vorgebrachten Bedenken „vielleicht besucht er jemanden oder vielleicht geht er nur in ein blödes Kino“, schmettert sie alle mit einem Schnauben ab. Ich glaube, langsam tun ihr auch die Füße weh.
D. biegt in eine Seitenstraße ein und endlich, endlich sind wir am Ziel. Er steuert ein Haus an, vor dem mehrere Leute rumlungern, reißt eine Tür auf, worauf wummernde Basslaute die Straße fluten, und mischt sich unter quatschende und lachende Menschen. Wir trippeln ebenfalls in die Höhle des Löwen.
Nachdem wir uns gefühlt eine Stunde durch die Menge gedrängt haben, entdecken wir ihn an einer meterlangen Bar. Zwei Frauen hängen wie Kletten an ihm. Beide blond, schlank, langbeinig, durchtrainiert. Unschlagbare Konkurrenz, zumindest für mich.
„Mit denen kannst du locker mithalten“, sagt Svea, als hätte sie meine Gedanken gelesen, und rammt mir einen Ellenbogen in die Seite.
Wir pirschen uns an die Gruppe heran. D. entpuppt sich als Darius, wie wir dem Gekicher, Gegurre und Gezwitscher seiner Groupies entnehmen. Solange die Models ihn in der Zange haben, sehe ich für uns keine Chance. Aussichtslose Situationen haben Svea jedoch noch nie abgeschreckt. Sie schnappt mich an der Hand und zieht mich mit sich, direkt vor Darius' Füße.